Outdoor Schweden

Idre – Wintercamp im schwedischen Fjäll

Strahlend blauer Himmel, zugefrorene Seen, verschneite Wälder und schneebedeckte Hügelketten, soweit das Auge reicht: Wer im Idre Fjäll mit Langlaufskiern, Schneeschuhen oder Alpinskiern unterwegs ist, erlebt den schwedischen Winter von einer seiner schönsten Seiten. Besonders gut kann man die vielen Wintersportarten bei einer Aktiv-Woche im Hüttencamp von Rucksack Reisen kennenlernen.

Text & Fotos: © Stefanie Becker

»Bewegt euch gleichmäßig in der Spur vorwärts… probiert es einfach aus«. Teambegleiter Matthias macht vor, wie es geht. Wir stehen im Kreis versammelt an der Übungsloipe des Idre Hüttencamps und schauen zu, wie Matthias auf Langlaufskiern durch den frisch gespurten Schnee gleitet. Sieht eigentlich ganz einfach aus. Für jemanden, der bisher nur auf Carving-Skiern stand, fühlen sich die Skier allerdings ziemlich sperrig an. Ein Blick in die Runde zeigt, ich bin nicht die Einzige, die zum ersten Mal auf Langlaufskiern steht. Zögerlich machen wir die ersten Gehversuche. Die gut gewachsten Skier gleiten in der Spur fast von alleine. Jetzt gilt es, Skier und Stöcke in den richtigen Rhythmus zu bringen. Rechtes Bein vor, linker Arm vor, linkes Bein vor, rechter Arm vor. Allmählich geht es – wenn auch noch etwas holprig – voran. Um uns herum glitzert der Schnee auf den Bäumen. Der Atem bildet kleine Wölkchen in der klaren, frischen Winterluft. Verschwunden ist die Müdigkeit, die uns nach der langen Anreise zum Camp noch in den Knochen steckte. 

Idre liegt im Norden der schwedischen Provinz Dalarna nahe der norwegischen Grenze knapp 560 Kilometer vom Göteborg entfernt. Hier betreibt der deutsche Reiseanbieter Rucksack Reisen in den Sommer- und Wintermonaten eine eigene Unterkunft direkt am See. Die »Idre Stugor« umfassen eine Ansammlung behaglich eingerichteter Holzhütten, ein schwedenrotes Haupthaus mit Camp-Küche, eine Sauna mit Hot Pot, ein Schuppen mit Ausrüstung und ein großes Tipi-Zelt. Sie sind Ausgangspunkt der Winteraktivwochen mit zahlreichen Ausflügen ins Idre Fjäll und die umliegenden Regionen. Welche Aktivitäten man mitmacht, kann man vor Ort entscheiden. Entsprechend der Teilnehmerwünsche, plant Camp-Leiterin Nathalie jeden Abend aufs Neue die Transfers und Touren des nächsten Tages. Gleich bei der Ankunft geht es los. 

Unsere Skilanglauf-Truppe ist inzwischen am ersten Anstieg der Hausloipe angekommen, die sich in kleinen Schleifen durch ein Tannen- und Birkenwäldchen schlängelt. Matthias erklärt nun, wie wir die geriffelten Steigflächen der Langlaufskier richtig belasten und mit etwas Schwung nach oben »joggen«. Geschafft. Es folgen Übungen zum Schneepflug und Bremsen. Sieht einfacher aus, als getan. Immer wieder verheddern sich bei der Abfahrt außerhalb der Spur die langen Skier, bis ich den Dreh einigermaßen raus habe. So oft wie heute bin ich schon lange nicht mehr im Schnee gelandet. Aber aufgegeben wird nicht. 

Langlauftour mit Waffelbonus

Am nächsten Tag schließe ich mich der Langlauf-Gruppe an, die begleitet von Simon und Klaus eine etwa 15 Kilometer lange Tour zum See Burusjö laufen wird. Wir beginnen die »Waffelrunde« an der Idre Fjällstation. Während die Erfahreneren eine anspruchsvollere Strecke laufen, starten wir Anfänger mit einer einfachen blauen Loipe. Wir folgen der gut markierten Spur über eine weiß verschneite Ebene und genießen eine Weile den Blick auf den weißverschneiten Gipfel des Städjan. Später queren wir eine kleine Straße, ehe sich die Loipe talabwärts durch dichter werdende Tannenwäldchen schlängelt.

Gemeinsames Etappenziel ist die Waffelhütte von Svängis. Der schwedische Ex-Polizist betreibt seit mehr als zwanzig Jahren unweit der Burusjö-Loipe in den Wintermonaten seine »Våffelstuga«. In der Hütte schlägt einem rauchige Luft entgegen. An der heißen Glut eines Lagerfeuers sitzend schöpft Svängis gerade frischen Waffelteig in eines von zwei rußgeschwärzten, gusseisernen Waffeleisen und bugsiert es zurück auf den Rost. »Die schwedische Version der Mikrowelle« scherzt er brummig und serviert bald darauf die ersten knusprig-goldbraunen Waffelherzen. Zusammen mit Moltebeerenmarmelade und heißem Kaffee, den Svängis in Thermoskannen bereithält, lassen wir uns die Waffeln in der Sonne vor der Hütte schmecken, ehe wir die zweite Etappe in Angriff nehmen. Nach der längeren Talfahrt geht es nun stetig mal mehr, mal weniger steil bergauf und mir wird trotz der frostigen Temperaturen ordentlich warm. Der Blick auf die verschneiten Hügel des Fjälls, die sich vor dem blauen Himmel abzeichnen, entschädigt jedoch für alle Anstrengungen. Auf der gut gespurten Loipe sind dann auch die letzten Kilometer zur Fjällstation schnell geschafft.

Mit Schneeschuhen durchs Fjäll

Am nächsten Tag tausche ich die Skier gegen Schneeschuhe. Die breiten Kunststoff-Treter sind eine ideale, wenn auch etwas langsamere Möglichkeit, im Tiefschnee voranzukommen. Unser heutiges Ziel ist der Gipfel des Städjans. Ein enger Pfad schlängelt sich vom Wanderparkplatz aus in Serpentinen durch den Schnee vorbei an flechtenbehangenen Bäumen. »Die Flechten sind ein Zeichen guter Luftqualität«, erklärt uns Teambegleiter Martin auf dem Weg hügelaufwärts. Im Gänsemarsch folgen wir ihm den Berg hinauf. Schnee rieselt in immer dickeren Flocken zwischen den Baumwipfeln herab. Je höher wir kommen, desto mehr lichtet sich der Wald um uns herum. Doch die Sonne hat sich heute hinter einer dichten Wolkendecke verborgen und der wolkenverhangene Gipfel des Städjans ist kaum vor dem grauweißen Himmel auszumachen.

Als wir die baumlose Ebene am Fuße des Gipfels erreichen, weht uns der aufgewirbelte Schnee in Böen um die Beine und zieht uns beinahe die Wanderstöcke weg. Bis zum Gipfel ist es jetzt nicht mehr weit, nur noch einige hundert Meter den Bergkamm entlang und dann hinauf auf das Gipfelplateau. Doch je höher wir kraxeln, desto stärker wird der Wind. Wir legen eine kleine Pause ein. Die Wolkendecke ist inzwischen so dicht, dass man den Gipfel nur noch schemenhaft erahnen kann. Bei dem Gedanken, weiter gegen die Windböen ins weiße Nichts zu stapfen, ist mir ein wenig mulmig. »Wir kehren lieber um«, beschließt auch Martin schließlich den Abbruch. Sicherheit geht vor. Wieder im Tal angekommen, schlagen wir den Weg hinauf zur Fjällstation ein. Dort kehren wir in einer weiteren Våffelstuga ein. Bei heißem Kaffee und frischen Waffeln wird mir klar, warum die Schweden dem Gebäck sogar einen eigenen Feiertag widmen: den »Våffeldag« (25. März). 

Die Schneeschuhwanderung am nächsten Morgen startet mit einer längeren Busfahrt.

Vom Parkplatz des Naturums im Fulufjäll geht es über einen gut markierten Wanderpfad zum Njupeskär, einem im Winter teils zugefrorenen Wasserfall. Der Weg schlängelt sich an einem kleinen Bach und knorrigen Kiefern vorbei eine Anhöhe empor. Von der dortigen Rasthütte aus erhaschen wir einen ersten Blick auf den Wasserfall, der zu mintblauen Kaskaden erstarrt im Tal am Felshang klebt. Der Njupeskär ist mit 125 Metern Fallhöhe, davon 90 Meter im freien Fall, Schwedens größter Wasserfall und im Winter vor allem bei Eiskletterern sehr beliebt. Nach einer Rutschpartie hangabwärts erreichen wir über dick verschneite Holzstege ein Plateau, von dem aus wir den spektakulär zu Eis erstarrten Wasserfall und die schroffen Abbruchkanten des umliegenden Fjälls gut sehen und fotografieren können. Zurück am Parkplatz machen wir in einer Wanderhütte eine kleine Rast am behaglich prasselnden Lagerfeuer, ehe wir die Rückfahrt zum Camp antreten.

Zwischen Loipe und Lagerfeuer

Heute lockt mich die Sonne zu einer neuen Langlauftour durchs Fjäll. Die »Milen«-Runde führt von der Fjällstation aus talabwärts und folgt dort den Windungen eines Bachlaufs, dessen eingeschneite Uferzonen sich leuchtend vom tiefblauen Wasser abheben. Beeindruckend ist auch der Blick den Hang hinauf zu den Skipisten des Idre Fjälls. Schnee stiebt über die halsbrecherisch steile »Chocken«, die mit einem Neigungswinkel von 46 Grad steilste präparierte Skipiste Schwedens. Die Sonne im Gesicht und den Wind im Rücken geht es in entspanntem Tempo weiter durchs Tal. An einem Shelter am Wegesrand stärken wir uns mit einem kleinen Frilufts-Picknick und nehmen dann den Weg zurück zur Fjällstation in Angriff.

Zurück in Idre hat Nathalie bereits alles für den Camp-Nachmittag vorbereitet. Verschiedene Aktivitäten wie Eisangeln und Bogenschießen können ausprobiert werden. Auf dem zugefrorenen See haben die Teambegleiter eine Fläche zum Eisstockschießen freigeschaufelt, auf der wir in wechselnden Teams die Eisstöcke möglichst nah ans Ziel schlittern lassen. Inzwischen kringeln sich aus der Luke des Camp-Tipis erste Rauchschwaden. Am warmen Lagerfeuer lassen wir in geselliger Runde den Tag bei heißem Saft und Feuerzangenbowle ausklingen. 

Tiefschnee-Tour mit Aussicht

Die Schneeschuhwanderung am nächsten Tag führt mich zum Nipfjället. Ein rotes X markiert den etwa 14 Kilometer langen Weg, der zunächst eine ganze Weile lang dem Bachlauf des Foskan folgt und dann die Flanke des Städjans hinaufführt. Schritt für Schritt kämpfen wir uns den Weg durch den Tiefschnee hügelaufwärts. Oberhalb der Baumgrenze pfeift der Wind den Schnee vor sich her. Nur noch vereinzelt ragen knorrige Baumspitzen aus der dicken Schneedecke. In all dem Weiß sind die in kurzen Abständen aufgestellten Wegkreuze gut zu erkennen. Dennoch müssen wir Acht geben, nicht versehentlich in eine Schneeverwehung zu laufen oder ein Schneebrett loszutreten. Als wir die Hügelkuppe erreichen, werden wir – dem wolkenverhangenen Himmel zum Trotz – mit einer grandiosen Fernsicht belohnt. Wohin man schaut, erblickt man verschneite, von schwarzen Baumwipfeln durchzogene Hügel. Links von uns liegt in südlicher Richtung die Fjällstation und dahinter ist in der Ferne das Fulufjäll zu erkennen. Neben uns erhebt sich der mächtige Gipfel des Städjan und in nordwestlicher Richtung erahnt man am Horizont sogar die Ausläufer einer norwegischen Gipfelkette. Die Ebene vor uns liegt unter einer weißen Schneedecke verborgen. Nur an einigen Stellen hat der Wind moos- und flechtenbewachsene Steine freigeweht, die das weiße Einerlei mit buntgrauen Tupfern unterbrechen.

Die kalten Temperaturen vertreiben uns jedoch die Lust auf eine längere Pause. Also stiefeln wir weiter talabwärts, wo wir auf eine andere Rucksack-Reise-Gruppe stoßen, die heute auf Back-Country-Skiern unterwegs war. Zurück im Camp ist die Sauna bereits angeheizt. Ein entspannter Ausklang für einen erlebnisreichen Tag im Fjäll. 

Infokasten:

Allgemeine Informationen
Provinz Dalarna: www.visitdalarna.se/de
Region Idre Fjäll: www.idrefjall.se

Anreise
Busanreise ab Hamburg und Fährüberfahrten (Puttgarden-Rödby, Helsingör-Helsingborg) 

Übernachten
Rucksack Stugor in Idre, vollausgestattete Mehrbett-Hütten (2–4 Personen) mit Dusche/WC, Gemeinschaftssauna, Frühstück und Abendessen im Haupthaus, Lunchpaket, Bettwäsche, Handtuch, Langlauf-Einweisung, tägliches Aktivprogramm mit geführten Langlauf-, Ski- und Schneeschuhtouren, örtliche Transfers, Programmorganisation, Reiseleitung inklusive (ab 899 Euro p.P.).
www.rucksack-reisen.de
Tel. 0251-87 188 0

Das Wintercamp punktet mit einem »ausgezeichneten« Aktiv-Angebot 

Mit der einwöchigen Aktivreise »Wintercamp in Idre« gewann Rucksack Reisen den 1. Platz beim Nordis-Travel-Award 2017 (Jetzt Scandinavian Travel Award). Die Reise überzeugte die Nordis-Jury besonders durch die Vielfalt an Sportmöglichkeiten. Im winterlich-verschneiten Idre kann man innerhalb einer Woche Abfahrtski, Skilanglauf, Schneeschuhwanderungen, Huskyschlitten-Touren uvm. unternehmen. Spezialtouren wie einwöchige Ski- und Schneeschuhwanderungen oder Foto- und Outdoorkurse runden das Angebot ab.

Die Küche ist das Herz des Camps

Wohlwissend, wie ausgehungert die Gäste nach einem Tag an der kalten, frischen Luft sind, tischt Camp-Koch-Werner im Haupthaus Abend für Abend neue Leckereien auf , gespickt mit unterhaltsamen Anekdoten zu Kultur und Küche des Landes. Besonders schwedische Spezialitäten haben es ihm angetan. So organisiert er eigens für die Camp-Gäste ein schwedisches Smörgåsbord, bei dem von frischgebeiztem Lachs über Rentierbraten bis hin zu Jansons frestelse (Anchovi-Kartoffel-Auflauf) nichts fehlt. Kulinarisch betrachtet zwar kein Hochgenuss aber dennoch ein Highlight ist das Surströmming-Testessen. Die Dosen mit dem vergorenen Fisch öffnete Werner draußen an der frischen Luft in mit Wasser gefüllten Eimern, dennoch drehte sich mir bei dem Geruch fast der Magen um. Zusammen mit Kartoffeln, Crème fraîche und frischgehackten Zwiebeln lassen sich die kleinen Stinkehäppchen erstaunlicherweise dennoch kauen, schlucken und beinahe genießen. 

Über den Autor

NORDIS Redaktion

Das Team der NORDIS Redaktion liebt es in gleicher Weise, mehrmals im Jahr tolle Magazine zu produzieren, die Leser mit qualitativ hochwertigen Publikationen und spannenden Storys zu unterhalten als auch hier - im Online-Bereich der NORDIS - regelmäßig neue Informationen und Artikel zu veröffentlichen.

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