Norwegen Städtetrips

Urbanes Stavanger – Überraschende Einblicke

Erstaunlich steil und atemberaubend geht es hinter dem stylishen Scandic Hotel bergan. Der Name des Viertels, Storhaugen („Großer Hügel“), ist Programm.

Angeblich soll dieser zwar auf zwei Grabhügel aus der Bronzezeit zurückgehen, doch fakt ist, auch die Landschaft gibt sich hier erstaunlich wellig. So hatte man das in Stavanger, das am Rande der zum tosenden Atlantik abfallenden Jæren-Ebene liegt, jedenfalls nicht erwartet.

Die Wege führen bis zur weiß leuchtenden Frue kirke („Frauenkirche“) hinauf. Sie wurde 1854 vollendet und stammt damit aus der Anfangszeit des Viertels, das wie so viele städtische Quartiere östlich der Kernstadt den Zweck hatte, eine Heimat für Arbeiter zu sein.

Lässt man den Blick vom spektakulären Aussichtspunkt in der Gasse Risbakken nach Norden schweifen so fällt auf, dass in Stavanger im 19. Jahrhundert keine gründerzeitlichen Mietskasernen errichtet wurden. Vielmehr baute man niedrig und kleinteilig. Aus damaliger Sicht waren die filigranen Häuser trotzdem eine eher schlechte als rechte Unterkunft. Kombiniert mit den Annehmlichkeiten der modernen Zeit jedoch, haben zentrums- und wassernahe Holzgebäude einen nicht geringen Reiz. Kein Wunder also, dass im einst eher schäbigen Storhaugen an allen Ecken und Enden gezimmert, geschraubt und saniert wird und das Viertel nach und nach einen neuen Charakter erhält.

Dieser ändert sich dort, wo Storhaugen nicht mehr hügelig ist, also am Ufer des Straumsteinsundes. Industriearchitektur wechselt sich mit reinweißen Holzhäusern ab. Der Verkehr rauscht vorbei, auch am Himmel über den Köpfen.

Riesige Betonstreben durchziehen das Wohngebiet. Vielleicht hätte man in der heutigen Zeit eher einen Tunnel gewählt, um die vorgelagerte Inselwelt an die Stadt anzubinden. In den 1970er Jahren gab man jedoch einem kolossalen, über 1000 Meter langen und 26 Meter hohen Brückenbauwerk den Vorzug. Dieses hätte angesichts seiner Dimensionen durchaus das Ende dies Viertels sein können, vielleicht sogar müssen. Dennoch erlebte das Quartier innerhalb der letzten 10 Jahre einen spürbaren Aufschwung.

Nicht ganz unbeteiligt daran sind die modernen, direkt am Wasser gelegenen Apartmenthäuser. Um sie herum führt eine teils im Wasser verankerte Promenade, mit Bänken, Ankerplätzen und einem schier wahnsinnigen Blick auf überdimensionale, im Gegenlicht gnadenlos futuristisch anmutende Werftanlagen, bunt zusammengewürfelte Holzhäuser und natürlich die alles überspannende Brücke.

Zentraler Ort ist ein kleiner See. An seinen Ufern ragen einstige Industrieanlegen in die Höhe, in denen man sich heute statt der Konservenproduktion der Kultur widmet. Graue Fassaden peppte man mit gatekunst, „Straßenkunst“, auf. „Sorry Mutter, ich bemale illegal Häuserwände“ ist da unter anderem lesen, was im Grund gar nicht stimmt.

Viele der Kunstwerke entstanden im Auftrag der Stadt und geben Storhaugen einen leichten, wohldosierten subversiven Anstrich.
Am Ende eines Rundgangs wird man feststellen, dass den Charakter des Viertels am besten die langgestreckte Pedersgata wiedergibt. Ein bisschen schick ist sie und gleichzeitig noch ein wenig verfallen.

Beginnt an hohen Getreidespeichern am Wasser, führt unter der wuchtigen Brücke durch, hinauf zu einer Vielzahl an Cafés, Restaurants und Kneipen, einem erschreckend hohen Betonkoloss aus den 1960er Jahren und endet am Rande der Innenstadt am Backsteinbau der St. Petri Kirche.

Baulich ein wenig wirr geht es zu entlang dieser Straße, die wie das ganze Viertel eine urbane Verbindung zwischen Tradition und Moderne darstellt.  

Bilder und Text © Martin Schmidt

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