Entdeckungen Schweden

Inselhüpfen in den westschwedischen Schären

Mit Fahrrad und Boot von Göteborg nach Marstrand, Åstol, Klädesholmen und Dyrön

Auf Klädesholmen feiert man den Tag des Herings, und die Weihnachtsbäume auf den Schären brennen zu Ostern. Beim Inselhüpfen per Boot, Fahrrad und zu Fuß im Süden Bohusläns lernt man Kurioses und Historisches kennen. Ein Aktivurlaub von Göteborg über Marstrand bis nach Dyrön mit viel maritimem Flair, spektakulären Ausblicken, leckerem Essen und Spukgeschichten.

Ein Artikel aus unserem Nordis-Magazin 3/18 Titelbild: © Jonas Ingman, Westschweden.com Text & Fotos: © Claudia Linz, Westschweden.com

»Ich denke, sie war unschuldig«. Hugo Ahlberg zeigt auf das Fenster im Kommandantenhaus des einstigen Gefängnisses. »Dort droben, im ersten Stock«, erzählt er den Besuchern, »wurde von 1806 bis 1809 die einzige Frau gefangen gehalten«. Mätta Charlotta Fock war angeklagt, ihren Mann und zwei ihrer Kinder vergiftet zu haben. Ihre Schuld konnte nie bewiesen werden. In einer Zelle gegenüber saß ab 1813 zusammen mit 19 anderen Gefangenen Lasse-Maja ein, ein Gelegenheitsdieb, der, als Frau verkleidet, auch den ein oder anderen Heiratsantrag bekommen haben soll. »Als man dahinterkam, wie gut er als vermeintliches Dienstmädchen kochen gelernt hatte, wurde er zum Offizierskoch ernannt«, weiß Hugo Ahlberg und führt uns weiter in die Folterkammer, in der martialische Zangen, Schwerter, Handschellen und Äxte die greulichsten Taten vermuten lassen.  

Von der Brüstung der Festung Carlsten auf Marstrand genießt man in alle vier Himmelsrichtungen eine spektakuläre Aussicht über die Schärenwelt

Drei Stunden hat die Fahrt mit der 1881 erbauten M/S Sankt Erik von Göteborg nach Marstand gedauert, unterbrochen nur von einem halbstündigen Landgang auf Kallö-Knippla. Obwohl nur 300 Menschen auf der Zwillingsinsel leben, zählt der örtliche Tennisclub 500 Mitglieder, und zu Ostern brennen dort die Weihnachtsbäume. »Jährlich wetteifern die Schärenbewohner um das größte, am weitesten leuchtende Feuer«, erzählt Guide Martin Hedlund, und er weiß: »Mit Argusaugen werden die verdorrten Bäume bewacht, damit sie nicht vor dem Fest noch von den Inselnachbarn geklaut werden.«

Unterwegs mit »Herrn Nilsson«

Das ist auch so auf der Insel Åstol im Süden von Bohuslän. Dorthin geht es am nächsten Morgen mit »Herrn Nilsson«. Während Skipper Annika Kristensson das Boot in den hufeisenförmigen Hafen steuert, erzählt sie uns, wie sie zu ihrem Spitznamen kam. Um einer Schar Kinder auf die Sprünge zu helfen, die ihren Namen erraten wollten, sagte sie, sie heiße wie einer der Freunde von Pippi Langstrumpf. Und da kam für die Kleinen wohl nur das Äffchen aus der Villa Kunterbunt infrage. Sie hat aber noch eine weitere, lustige Geschichte in petto. So sei eine alte Fischersfrau auf Åstol im Interview gefragt worden sein, wie sie die elfmonatige Abwesenheit ihres Mannes ertragen habe. Ihre augenzwinkernde Antwort: »Der eine Monat ging auch vorbei.«

Åstol ist ein Bilderbuchschäreninselchen mit weißen Holzhäuschen, die einander Windschutz bieten, einem natürlichen Salzwasser-Planschbecken für Kinder und einer ausgezeichneten Fischräucherei, bei der man sich für den Landgang eindecken kann. Riesige Heringsschwärme kamen noch Anfang des 20. Jahrhunderts nach Westschweden. »Früher wimmelte es im Meer nur so von Heringen, sodass ein Eimer, den man ins seichte Wasser stellte, allein durch die vielen Fischlaiber um ihn herum stehen blieb«, weiß Jonas Espefors aus Erzählungen. Auf Klädesholmen, einer Insel, die wie Åstol zur Gemeinde Tjörn gehört, ist Jonas Manager des »Salt & Sill«, Schwedens erstem schwimmenden Hotel. »Salt« heißt auf Deutsch Salz, »sill« bedeutet eingelegter Hering. 25 Konservenfabriken hat es dort einst gegeben, die verbliebenen drei haben sich zur Klädesholmen Seafood AB zusammengeschlossen. Am schwedischen Nationalfeiertag, dem 6. Juni, wird traditionell der »Tag des Herings« (sillens dag) gefeiert. Ein Heringstonnenrennen wird veranstaltet und als Höhepunkt das Rezept für den »Hering des Jahres« (Årets sill) verkündet. 2017 war das eine Kreation mit Akvavit, in den Jahren vorher mischte man den »Sill« mit Dill oder Kaviar, Brombeeren oder, sehr lecker, Whisky mit Senf. 

Kulinarische Genüsse

Jedes Jahr Anfang Juni wird auf Klädesholmen der eingelegte Hering des Jahres vorgestellt

Im »Salt & Sill«lassen wir uns die verschiedenen Heringsspezialitäten unter strahlend blauem Himmel auf der gemütlichen Terrasse mit Meerblick schmecken. Später nehmen wir Fahrräder und erkunden die Umgebung. Über eine Brücke radeln wir in 20 Minuten nach Rönnäng und setzen mit der Fähre auf die autofreie Insel Dyrön über. 250 Bewohner leben dort, unter anderem die Schmuckdesignerin Tintin Hallding, die Besucher zum Kaffee in ihrer Galerie willkommen heißt. Eine willkommene Rast auf dem fünf Kilometer langen, teilweise anspruchsvollen Dyröleden, auf dem man mit etwas Glück Mufflonschafe erspähen kann, und für den gutes Schuhwerk sinnvoll ist. Wir wandern durch eine urwüchsige Landschaft, über den Bohuslän-Granit, kommen vorbei an Badestellen, freuen uns am höchsten Punkt an der herrlichen Aussicht über die Schärenlandschaft  und steigen die 112-stufige Holztreppe zwischen links und rechts steil aufragenden Felsen wieder hinunter.

Auf dem Rückweg nach Klädesholmen kehren wir in Bleket bei Lottas Bak & Form ein. Lotta Kristensson backt dort Sauerteigpizza aus ökologischen Zutaten und belegt sie zum Beispiel mit Kartoffeln, Knoblauch, Rosmarin und Ziegenkäse oder Mangold, Zucchini, Tomaten und Wrångebäcksost, einer Käsespezialität aus Schweden. Beide sind ein Gedicht und wir lassen sie uns gern schmecken nach dem ereignisreichen und etwas anstrengenden Tag, während der Blick von der Terrasse über das spiegelglatte Wasser der See wandert.

Lotta Kristensson backt Sauerteigpizza aus ökologischen Zutaten

Ein besonderes Vergnügen

Mit dem Rad unterwegs zum Skulpturenpark Pilane

Erstes Etappenziel am nächsten Tag ist das sehenswerte Nordiska Akvarellmuseet in Skärhamn, in dem sich Künstler in Gästeateliers inklusive Staffelei einmieten können. Von dort führt uns unsere etwa einstündige Radeltour teilweise über Asphalt und teilweise über Holzstege, Feld- und Waldwege. In den Kiefernwäldern atmen wir den harzigen Duft ein. Unser Ziel, der Skulpturenpark Pilane, ist ein acht Hektar großes Gräberfeld mit historischen Steinsetzungen und mehreren Meter hohen Kunstwerken schwedischer und internationaler Künstler. »Anna« heißt zum Beispiel der 14 Meter hohe, weiße Frauenkopf des spanischen Künstlers Jaume Plusa, der sich unwirklich wie eine Fata Morgana auf einem schroffen Felsenhügel vor blauem Himmel ausnimmt. Eines ist Kurator Peter Lennby besonders wichtig: »Wir wollen Kunstliebhaber ebenso ansprechen wie Familien mit Kindern, die einen Ausflug oder ein Picknick machen wollen«.

14 Meter hoch ist der Frauenkopf mit dem Namen »Anna« im Skulpturenpark Pilane

Apropos Kinder: In Schweden kennt man ein ganz besonderes Vergnügen, das uns die siebenjährige Malin und ihre Freundin Astrid am nächsten Morgen auf einem Steg in Klädesholmen vorführen. Sie fischen Krebse mit einer Schnur und einer Wäscheklammer, an die ein Stück Muschelfleisch gezwickt wird. Die Muscheln hat Jonas Espefors mitgebracht. Auch er hat seinen Spaß daran, die Tiere aus dem Wasser zu ziehen, die später allerdings wieder in die Freiheit entlassen werden.

Spaß beim Krebsefischen

Dieses Glück wurde Mätta Charlotta Fock auf Marstrand nicht zuteil. Man sperrte die Frau, deren gesticktes Gnadengesuch heute im Nordischen Museum in Stockholm aufbewahrt ist, so lange ein, bis der letzte Funke Hoffnung erloschen war. Sie gestand, wurde zum Tode verurteilt und verbrannt. Heute, so glaubt man auf Marstrandsö, spukt ihr Geist zwischen den 16 Meter dicken Mauern, und Inselbewohner  wie AndersPålsson, Restaurantmanager im Grand Hotel, nicken wissend, wenn von sonderbaren Erscheinungen droben auf Carlsten berichtet wird.

Infokasten

Allgemeine Informationen

Anreise

Mit dem Flugzeug von verschiedenen deutschen Flughäfen direkt oder mit Zwischenstopp nach Göteborg. Mit dem Auto bietet sich die Fähre von Kiel nach Göteborg an. Zu den Inseln der Region Bohuslän gelangt man mit Strömma Kanalbolaget (www.stromma.se/goteborg), Gunnar’s Boats Tour (www.gunnarsbatturer.com).

Übernachten

Grand Hotel Marstrand (www.grandmarstrand.se) und Salt & Sill in Klädesholmen (www.saltosill.se).

Essen & Trinken

Barken Viking in Göteborg (www.barkenviking.com), Da Matteo in Göteborg (www.goteborg.com/en/da-matteo), Restaurant Tenan auf Marstrand (www.grandmarstrand.se/restaurang-tenan), Salt & Sill Klädesholmen (www.saltosill.se), Lottas Bak & Form in Bleket (www.lottasbakoform.se).

Ausflugstipps

Führung durch Carlstens Fästning auf Marstrand, Wandern auf der Insel Dyrön und Besuch der Schmuckgalerie von Tintin Hallding, Besuch des Aquarellmuseums in Skärhamn und Radtour zum Skulpturenpark Pilane auf Tjörn.

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NORDIS Redaktion

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