Vuokatti im Winter

Verschneite Vielfalt

Der Winter beginnt in Vuokatti immer am 10.10. um 10.00 Uhr. Denn an diesem Tag werden in jedem Jahr die ersten, mit dem Schnee des vergangenen Jahres präparierten Langlaufloipen freigegeben. Wenn der erste frische Schnee vom Himmel fällt, verwandelt sich die Region in der Mitte Finnlands in einen Wintertraum. Nun ist die Zeit, in der die Huskys vor die Schlitten gespannt, Motorschlitten aufgetankt und Langlaufskier gewachst werden.

„Tykkylumi.“ Päivi steht unter einer Schneeskulptur, schüttelt und rüttelt an ihr, grinst mich an – und verschwindet in einer weißen Wolke. Jetzt gleicht sie selbst einer Skulptur, während das »Kunstwerk« über ihr zerstört ist, nun aussieht wie eine ganz normale – Fichte. Wenn die Menschen in Vuokatti von „Tykkylumi“ sprechen, ist das ein Lockruf für alle, hinauszugehen in die Natur.

Denn das Wort steht für die Bäume, an denen der Schnee förmlich klebt, die eine Winterlandschaft mit Fabelwesen gestalten wie ein Regisseur auf einer großen Bühne. Päivi hat mich mitgenommen zu einer Langlauftour rund um den Wintersportort, durch den sich ein dichtes Netz von Loipen zieht. „Du bist nirgends viel mehr als 100 Meter entfernt, um in die Spur oder auf das platt gewalzte Geläuf für die Skating-Technik zu kommen“, sagt sie.

Hier kann man zwischen vielen Kilometern Langlaufloipe wählen
Wir hatten uns nach dem Blick auf die Karte mit dem Loipennetz für die „blaue“ Spur entschieden. Und das nicht wegen Päivi, sondern wegen meiner in diesem Winter noch nicht sonderlich ausgeprägten Langlauf-Historie. Erst gestern war ich mit dem Flugzeug in Kajaani gelandet und hatte nur wenige Stunden später nach einem leckeren Abendessen den Abend in einer Sauna geschwitzt.

Die im Sportgeschäft ausgeliehenen Skier laufen prima, fast lautlos gleiten wir durch die Spur, nehmen das Mantra der immer gleichen Bewegung auf. Ich komme rasch in den Rhythmus. So etwas wie Langlauf verlernt man genauso wenig wie Radfahren. Päivi hat zu diesem Zeitpunkt schon eine leichte Abfahrt gemeistert und steht vor einer Karte mit dem Loipennetz.

Auch Profis nutzen die frischgespurten Strecken zum Training
„150 Kilometer sind es insgesamt“, sagt sie. Gelaufen werde ab dem 10.10. um 10.00 Uhr, ergänzt die sportliche Finnin. Dann jedoch meist noch auf einem weißen Band in einer sonst noch gar nicht winterlichen Landschaft. „Der Schnee dafür kommt aus dem vergangenen Winter und wird im Sommer eingelagert.“

Dadurch hätten die Profisportler aus den Nationalteams und auch ambitionierte Amateure beste Möglichkeiten in dem Olympic Training Center auf den gut präparierten Loipen zum Trainieren. Mehr trainieren hätte ich in den zurückliegenden Wochen selbst sollen. Denn nun keuche ich hinter Päivi einen steilen Anstieg hinauf.

Da kommt man mitunter sehr ins Schwitzen
Wir hatten die schwarze – schwierige – Spur gewählt, um auf die Höhen des Vuokatinvaara zu kommen, den Hügelzug über dem Seensystem rund um Vuokatti. Orange wird es nun. Nicht der Schnee, sondern die Markierung, der wir folgen. Will sagen: mittelschwer. Und ganz schön anstrengend.

Denn das als flach geltende Finnland erfüllt dieses Klischee hier ganz und gar nicht. Auf und ab geht es. Da kommt ein aussichtsreiches Plätzchen gerade richtig, um zu verschnaufen und einen Tee aus der Thermoskanne zu trinken. Und natürlich ein Stück Fazer-Schokolade, die in dem Land schon fast den Status einer Nationalikone hat.

Mit Blitzstart geht es in den verschneiten Wald
Mit ein wenig Muskelkater in den Beinen geht es am Morgen zum Frühstücksbüfett. Da trifft es sich gut, dass wir heute nicht selbst laufen müssen, sondern laufen lassen. Von den Hunden. Die sind schon zu hören, als wir das Auto vor dem Domizil von Vuokatti Safaris abstellen. Kimmo hat die Schlitten bereitgestellt und holt die Huskys aus dem Zwinger. 80 Stück hat er zur Auswahl.

Geschickt legt er den Vierbeinern das Geschirr an. Was bei ihm nur Augenblicke dauert, nimmt bei uns deutlich mehr Zeit in Anspruch. Und das liegt nicht an den Tieren, die bereitwillig ihre Pfoten heben … Doch irgendwann sind alle Tiere mit dem Zugseil verbunden. „Passt am Anfang auf und bleibt auf der Bremse“, empfiehlt der Musher. Die Tiere würden einen Blitzstart hinlegen, bevor sie nach ein paar Hundert Metern in ein gemütliches Tempo verfallen, ergänzt der Finne.

Rasant ziehen die Hunde den Schlitten durch den Schnee
Und tatsächlich: Sobald alle Leinen los sind und der Anker aus dem Schnee gehoben ist, gibt es einen Ruck und wir preschen los. Kimmo mit seiner Meute voraus, wir hinterher, so geht es nahezu geräuschlos durch den Wald. Auch die Hunde haben sich beruhigt, sie jaulen nicht mehr, sondern hecheln. Ein steiler Anstieg, zwölf Hundeaugen blicken vorwurfsvoll zurück. „Hilf uns, fauler Kerl“, scheint das zu bedeuten – und ich lasse mich erweichen.

Die Unterstützung ist nicht mehr nötig, als wir über ein Moor gleiten. Nur ein paar vereinzelte Bäume stehen hier, ansonsten ist alles weiß. Pure Einsamkeit! Daran wird sich auch während der gesamten mehrstündigen Tour nichts ändern. Wir fahren über Seen, legen auf einer Insel eine Pause ein, lassen den verschneiten Winterwald an uns vorbeiziehen und erreichen am Nachmittag wieder das Huskycenter.

Schneeschuhe sind perfekt für Wanderungen durchs winterliche Weiß
In der Nacht hatte es geschneit, die Baumskulpturen waren weitergewachsen. Grund genug, noch einmal in den frischen Neuschnee hinauszukommen. Diesmal jedoch auf Schneeschuhen. „Das kann jeder, der auch laufen kann“, hatte Kaisu ein paar Zweifler überzeugt, die ein wenig skeptisch auf die „Big Foots“ geschaut hatten.

Schon nach wenigen Schritten sind auch sie überzeugt. Das klappt! Und macht Spaß! Mit normalen Wanderschuhen wäre an den Hängen des Berges kein Vorankommen möglich. Viel zu tief würde man einsinken. Doch die große Auflagefläche der Schneeschuhe macht‘s möglich. Die Wolkendecke wird dünner, und als wir in Richtung Gipfel kommen, scheint die Sonne auf die Wipfel der vom Schnee verhüllten Fichten.

Beim Blick auf die Pisten von Vuokatti lockt das Nachmittagsprogramm: Skifahren
Die passenden Bretter gibt es an der Talstation. Kurz darauf schaukele ich im Sessel nach oben, genieße erst einmal die Aussicht, bevor Schwung an Schwung aneinandergereiht wird. Zunächst auf einer der blauen Pisten, auf denen vor allem Anfänger und Kinder unterwegs sind. Klappt gut, was auf dem bestens präparierten Untergrund auch keine große Kunst ist.

1.100 Meter misst die längste Abfahrt, 170 rote – „mittelschwere“ Höhenmeter trennen mich nun von der Talstation des Lifts. Ein Auf- und Ab-Spiel, das sich an diesem Nachmittag noch etliche Male wiederholt. Klar, Vuokatti kann mit den Gipfeln der Alpen nicht mithalten. Aber hier hat man Platz – und 13 verschiedene Abfahrten bieten genügend Abwechslung sowie Kurvenspaß. Und Snowboarder mit Hang zu tollen Kunststücken finden eine weiße „Spielwiese“ mit großem Fun-Faktor.

Nach dem Aktiv-Tag folgt die Entspannung
Nach dem gestrigen Aktiv-Tag soll es heute einmal gemütlicher werden. Ausschlafen, Eisangeln und danach ein Besuch in der Spa-Anlage des Hotels Holiday Club Katinkulta. Der Schneeschauer wird für eine Bummel durch das nahe Sotkamo genutzt. Der moderne Ort hat zwar – wie viele andere Städtchen in dem Land – in den 1960er- und 70er-Jahren seinen alten Holzhaus-Charme verloren, bietet jedoch eine gute Auswahl an Geschäften.

Berühmt ist das Schuhgeschäft Saastomoinen. Der Besitzer des 1936 gegründeten Ladens kennt zwar nicht die genaue Zahl der verfügbaren Schuhe, „doch es sind eine Menge“, sagt er. Mit etwas Glück kann man sogar noch einige Modelle aus den 1950er-Jahren finden. Später lugt die Sonne wieder durch die Wolken.

Wellness erlebt man beim Eisangeln und in der Sauna
Mit der kurzen Eisangel und dem umso größeren Eisbohrer laufen wir ein kurzes Stück über den dick zugefrorenen Nuasjärvi. Der beste Platz? Samuli weiß darauf keine Antwort. „Die Fische können überall sein“, sagt er. Und das sind sie wohl auch. Nur nicht bei uns. Rund einen halben Meter hatten wir uns durch das Eis gebohrt, hatten einen Wurm am Köder befestigt und immer wieder mit der Hand gezuckt. Schließlich sollen die Fische ja auf die Beute aufmerksam werden.

Selbst wer nicht erfolgreich sein sollte, hat eine geruhsame, fast schon meditative Zeit auf dem Eis erlebt. Frisch war es zum Schluss beim Pilkki geworden. Also hinein ins warme Wasser. Aber in welches? Die Wellness-Anlage verfügt über mehr als 20 Pools: Einen Pool im Freien, Whirlpools, Pool mit Gegenströmung, Massagedüsen, einen Brunnen und natürlich die Wasserrutsche. Immerhin: Der Kinderpool ist für mich nicht mehr altersgemäß und fliegt aus der Auswahl raus.

Warum nicht alles einmal ausprobieren?
Auch den Fitness-Pool. So viel hatte ich heute noch nicht getan. Zum Schluss noch ein Besuch im Sauna-Bereich. Und wieder die Qual der Wahl: zwei Dampfsaunen, eine Dampfhöhle, eine traditionelle finnische Sauna sowie ein Römisches Bad.

Sogar eine Rauch-Sauna im Freien mit Chance zum Bad im Eisloch gibt es. Ich beschränke mich auf finnische Tradition und „Römertopf“. Schließlich steht noch eine Massage an. Und irgendwann schließen auch in der großen Hotelanlage die Restaurants.

Schneemobil trifft auf Nordlicht-Himmel
Zum Abschluss dieser Tage in Vuokatti soll es noch einmal mit dem Schneemobil hinausgehen in die finnische Natur – allerdings in der Nacht. Das Ziel: Nordlichter! Im Safari Center am Ortsrand von Vuokatti ziehen wir ein paar extra warme Socken über, schlüpfen in Overalls und Thermostiefel, Sturmhaube über den Kopf und Helm darauf, dazu Handschuhe.

So ausgestattet stapfen wir zu den Schlitten. Kurz darauf steuern wir die Schneemobile durch den Wald, folgen den markierten Routen und natürlich unserem Guide. Im Licht der Scheinwerfer wirkt die Szenerie noch einmal ganz anders. Aus den vom Schnee verhüllten Bäumen werden Fabelwesen, die sich zu bewegen scheinen, ein magischer Tanz mit einer ganz eigenen, fast schon mystischen Choreografie.

Man muss nicht weit fahren, um den störenden Lichtern des Ortes zu entkommen
Bald schon ist fast tiefschwarze Nacht, Sterne funkeln durch ein paar Wolkenlöcher. Die Wetter-App hatte wechselnde Bewölkung vorhergesagt, die Nordlicht- App ganz gute Chancen auf eine illuster illuminierte Aufführung der nordischen Lichtgötter verheißen. Nach einigen Kilometern stoppen wir auf einer Anhöhe, stellen die Motoren ab. Blicke nach oben. Noch ist nichts zu sehen.

Nur die glucksenden Geräusche von Tee, der in Tassen fließt, sind zu hören. Ein Fotograf hat die Kamera schon in Richtung Himmel gerichtet und macht die ersten Aufnahmen. Darauf sind feine grünliche Schleier zu erkennen: Polarlicht! Die empfindliche Kamera kann es besser sehen als das Auge. Noch. Denn nach einer Viertelstunde werden nicht nur die Wolkenlöcher größer, sondern auch das Nordlicht stärker. Farbige Schleier ziehen über den Himmel, bleiben stehen und verlieren sich wieder in der Dunkelheit des Firmaments. Zwei, drei Aufführungen sind Teil dieser himmlischen Show, dann starten wir die Motoren und gleiten zurück in Richtung Vuokatti. Dorthin, wo nach einem Saunagang das warme Bett wartet.

Neugierig geworden? Erfahrt hier mehr über die Aktivitäten und Angebote zu Vuokatti im Sommer.