Vuokatti im Sommer

Abenteuer und Entspannung in idyllischer Natur

Bestens markierte Wanderwege durch eine idyllische Landschaft, klare Seen zum Paddeln und Baden. Dazu Bären, denen man sicher ganz nahe kommt, Indoor-Park und Spa zum Spielen und Entspannen sowie eine Insel mit Robinson-Feeling. Abwechslungsreicher kann man seinen Urlaub kaum verbringen als in Vuokatti. Und wer schon im Sommerhalbjahr den Wunsch nach Abkühlung verspürt, kann sich diesen ganz einfach erfüllen – im Langlauf- oder im Snowboardtunnel!

Glutrot taucht die Sonne in den Jäätiönlahti. Der See verbindet die 40 Kilometer westlich gelegene Stadt Kajaani mit dem Urlaubsort Vuokatti in der Region Sotkamo. Nach einer Stunde Flugzeit war ich von Helsinki aus kommend auf dem kleinen Flughafen gelandet. Und nur wenig später sitze ich mit der Sonnenbrille auf der Nase am Ufer des Gewässers.

Vor mir liegt eine Woche in einer von ausländischen Touristen nur wenig entdeckten Region, die mit viel Natur, Ruhe und eindrucksvollen Tierbeobachtungen punkten kann. Und was noch auffällt: Abseits des Massentourismus erlebt man hier freundliche und entspannte Menschen, die sich Zeit nehmen für ihre Gäste. Typisch finnisch eben – und das, ohne dafür viel Geld ausgeben zu müssen.

Sportler – auch Profisportler – schätzen die Vorzüge des Ortes
Auf dem Weg hinauf zum 326 Meter hohen Vuokattivaara wird man Athleten begegnen, die auf Rollskiern in hohem Tempo den Berg hinaufkeuchen. Die meisten von ihnen dürften zum Sportinternat des Ortes gehören. Oder sie sind Gast im »Olympic Training Center«, wo die internationale Weltelite sich auf die Wettkämpfe im Winter vorbereitet.

„Wir wenden modernste Methoden an, die zusammen mit der Forschung entwickelt werden«, sagt Direktor Jyri Pelkonen. Davon könnten auch ambitionierte Hobbysportler profitieren. Alljährlich werden schon am 10.10. um 10.00 Uhr die ersten Loipen eröffnet. »Der Schnee stammt aus dem Vorjahr und wurde eingelagert“, erzählt Jyri und ist stolz darauf, dass diese heute vielerorts angewandte Technik in Vuokatti entwickelt worden war.

Dabei muss man nicht auf Oktober warten, um auf die Bretter zu steigen
„Snowboardfahren und Langlauf sind das ganze Jahr über möglich“, erzählt Kaisu und nimmt mich mit zu einem der Sportzentren. Da draußen ohnehin gerade ein Schauer niedergeht, leihe ich mir ein paar Schuhe und Skier, öffne eine Tür und bin mitten im Winter! Schnell ziehe ich eine Jacke über das T-Shirt – schließlich herrschen hier während des ganzen Jahres Minusgrade – fixiere die Schuhe in der Bindung der schmalen Latten.

Die ersten Schritte sind noch etwas wackelig, dann komme ich in den Rhythmus. Nicht so gut wie die Profi s des Nationalteams, die an mir vorbeipreschen. Aber besser als die Jugendlichen, die ihre ersten Schritte auf Langlaufskiern ausgerechnet im Sommer absolvieren. Zweieinhalb Kilometer ist die Strecke lang, es geht auf und ab, auch um ein paar sanfte Kurven. Und am Ende stehen die Schweißperlen auf der Stirn.

Langlauf im Sommer – eine Erfahrung, die großen Spaß macht
Das gilt auch für den Snowboardtunnel, in dem gerade zwei Jugendliche trainieren. Wir sitzen bei einem Kaffee, blicken durch die Scheibe und bewundern ihre Kunststücke, die sie auf der 80 Meter langen Piste absolvieren. 20 Meter ist die Halfpipe breit und die Höhendifferenz erlaubt sogar schwierige Sprünge.

Und wer sich nicht auf das Brett traut, kann auch in einem Reifen nach unten rutschen – ein großer Spaß gerade für Eltern, die ihren Nachwuchs einmal mit Spiel und Spaß im Schnee überraschen wollen, auch mitten im Sommer. Vuokatti ist damit das einzige Reiseziel in Finnland, das ganzjährig Winteraktivitäten anbietet!

Die Angry Birds gaben dem Indoorpark einst ihren Namen
Und wo wir gerade beim Stichwort Familienaktivitäten sind: Die „Angry Birds“ sollten spielfreudigen Kindern und Erwachsenen ein Begriff sein. Nur die wenigsten dürften aber wissen, dass die „zornigen Vögel“ in Finnland erfunden wurden. Das passt es doch gut, wenn es hier im Herzen des Landes auch einen Indooraktivitäten- Park gibt, der einst den Namen des virtuellen Spiels trug und nun unter dem Namen „Superpark“ firmiert.

Hier können sich Kinder und Jugendliche das ganze Jahr über austoben, rutschen und klettern, Fußball oder Eishockey spielen oder auf Inline-skatern oder Scootern durch die Halle brausen. Dazu kommen ein Fitnessstudio, ein Golfarena und weitere Aktivitäten.

Es ist Zeit die Wanderschuhe zu schnüren
Doch zurück in die Sonne und zu Vuokatinvaara. Von dessen Gipfel blickt man auf Skilifte, Pisten und Sprungschanzen. Hier oben beginnen jedoch auch die Wanderwege, die über die Kuppen des Hügelzugs Vuokatinvaara verlaufen. Finnland präsentiert sich Wanderern hier von seiner schönsten Seite. Es geht auf und nieder, man passiert Moore und kleine Seen, läuft auf weichem Waldboden oder über Bohlenwege, steigt Holztreppen hinauf oder streift durch das Unterholz.

So wie Kaisu. Die hat ein paar Büsche mit Blaubeeren gefunden. Und denen können weder die Finnin noch ich widerstehen. An einem Rastplatz legen wir eine Pause ein, waschen die blauen Finger in einem munter glucksenden Bach. Die Thermoskanne wird aus dem Rucksack geholt, kurz darauf dampft der Kaffee aus der Kuksa genannten Holztasse, die zu einem Ausflug in die finnische Natur einfach dazugehört, Dann schnüren wir wieder die Stiefel, machen uns auf den Rückweg.

Die Wanderwege rund um Vuokatti sind bestens markiert
Kurze Spaziergänge sind ebenso möglich wie stundenlanges Streifen durch den Wald oder gar Mehrtagestouren. „Flammlachs“ soll es am Abend geben. Schonend zubereitet am offenen Feuer am Ufer des Jäätiönlahti. Dazu Brot, das ein wenig nach Teer zu schmecken scheint. Meinen fragenden Blick beantwortet Kaisu mit einem Nicken und einer Erklärung.

„Der aus den Bäumen hergestellte Teer spielte früher eine große Rolle und wird in kleinerem Maßstab immer noch hergestellt“, sagt sie. Bis zum Ersten Weltkrieg war das durch langsames Verbrennen von Holz hergestellte Produkt die Haupteinnahmequelle für die Menschen in der Region. Via Oulu wurde es bis nach Mitteleuropa verschifft. Heute sind es noch ein paar Enthusiasten, die Teer herstellen – und damit sogar Speiseeis einen interessanten Geschmack verleihen.

Tango ist der finnische Nationaltanz
Anschließend planen wir noch einen Besuch im Tanzpavillon „Napis“ auf dem Naapurinvaara- Berg. Wer jemals einen dieser für Finnland typischen Tanzabende erlebt hat, wird diese nie vergessen. Sie waren ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Treffpunkt für die Menschen. Hier drehte man sich im Rhythmus von Humppa und Tango, fand vielleicht seinen Partner fürs Leben oder verliebte sich erneut in Ehemann oder Ehefrau.

Der Napis gehört zu den legendärsten Tanzpavillons im Lande. Zwischen März und November kommen – wenn die auftretenden Künstler beliebt genug sind – bis zu 4.000 Menschen hierher, um zusammen einen schönen Samstagabend zu verbringen. Und das bei Büfett und toller Aussicht über die umliegenden Wälder und Seen.

Mit Hiidenportti, Tiilikkajärvi und Hossa gehören drei Nationalparks zur Region
Besonders reizvoll ist der eineinhalb Autostunden von Vuokatti entfernte Nationalpark Hiidenportti. Verwunschene Moore und lauschige Wälder bilden ein abwechslungsreiches Mosaik, das man auf kurzen Wanderungen oder Mehrtagestouren erkunden kann – wenn man die benachbarten Schutzgebiete mit einbezieht.

Schon kurz nach dem Start ein erster Stopp an einem der Seen. Ein Bohlenweg führt über den moorigen Rand des Sees zum Wasser. Mutige können auf einer Leiter ins Wasser klettern, wir lassen den Fischen ihren Lebensraum und folgen dem Weg zur Hiidenportti, dem der Nationalpark seinen Namen zu verdanken hat.

Ein Riese war der Legende nach Namenspate für den Nationalpark
„Hiisi war ein Riese, der ursprünglich auf dem Vuokattinvaara gelebt hat. Seine Familie waren die Tiere, Bären, Wölfe, Luchse und viele andere“, erzählt Samuli vom Outdoorveranstalter Vuokatti Safaris. Dann seien die Menschen gekommen und bauten eine Kirche. „Hiisi mochte den Klang der Kirchenglocken nicht“, gibt der Finne die Legende wieder. „Er nahm einen Fels und warf ihn in Richtung Kirche, um sie zu zerstören.“ Aber das gelang nicht, und Hiisi zog mit den Tieren hierher.

„Hiidenportti ist der Eingang zu seinem Reich.“ Und das ist faszinierend. Denn nachdem man ein Stück auf einem schmalen Pfad durch den urwüchsigen Wald gewandert ist, steht man plötzlich vor einer tiefen Schlucht. Die senkrechten Felsen spiegeln sich in der Wasserfläche wider, die sich am Grund des Canyons gebildet hat. Nur dank einer Holztreppe kommt man auf die andere Seite und kann dort seine Wanderung fortsetzen. Entweder weiter hinein in das Herz des Parks oder zurück zum Parkplatz.

Auf einer Lichtung schmatzen die Bären
Die ersten Stunden des nächsten Tages hatten wir mit einer lockeren Runde auf dem Golfplatz verbracht. Nun fahren wir auf Schotterstraßen in Richtung russischer Grenze. Nahezu ungestört von den Menschen leben hier Bären, Wölfe, Vielfraße und Adler. Mit etwas Glück kann man sie aus der Nähe beobachten.

Wir sitzen in einer Hütte am Rande einer moorigen Lichtung. Blicken durch die Fenster hinaus, machen die Kameras bereit. Es ist kaum eine Viertelstunde vergangen, da erscheint der erste Bär zwischen den Bäumen. Hebt den Kopf, beäugt vorsichtig die Gegend. Keine Gefahr. Dafür aber Futter, das vorher verteilt worden war. Durch die Löcher in der Wand der Schutzhütte schieben sich die dicken Objektive der Fotografen. Klick, klick, klick.

Jede Bewegung des Raubtiers wird dokumentiert
 Blickt der Bär herüber, wird das mit einem Auslöser- Stakkato gewürdigt. Wer nicht fotografiert, schaut durch das Fernglas, sieht den Bär, wie er sich schwerfällig durch den tiefen Morast wühlt und endlich das Futter erreicht. Respektvoll machen die Möwen Platz. Auch sie haben den Futterplatz natürlich schon längst entdeckt.

 Nach einer Weile tapst er aus dem Gesichtsfeld. Doch weit weg ist er nicht – es schmatzt direkt vor der Hütte! Jetzt wird jedem klar, warum man weder Hand noch Kopf hinausstrecken sollte! Denn nun könnte fast das Fell von Meister Petz gestreichelt werden. Auge in Auge mit dem Bären, und das sicher von einem Unterschlupf aus: Dieses Bild werde ich mit in meine Träume nehmen.

Zum Hundestreicheln geht es auf die Huskyfarm
Die Woche in Vuokatti nähert sich dem Ende. Doch ein Highlight am Ende bleibt noch. Ich will mich ein bisschen fühlen wie Robinson. Nur nicht unter Palmen auf einer Insel in der Südsee, sondern unter Kiefern, Fichten und Birken bei zugegebenermaßen niedrigeren Temperaturen. Kimmo macht’s möglich. Doch zuerst wollen die Hunde auf seiner Huskyfarm gestreichelt und gekrault werden.

Rund 80 Tiere sind meist paarweise in den Zwingern untergebracht. Und die freuen sich unbändig, als der Musher die Türen öffnet und die Huskys im Freigelände umhertollen können. »Das ist wichtig«, erzählt er, denn bis sie Schlitten durch eine verschneite Winterlandschaft ziehen können, wird es noch einige Monate dauern.

Einmal so fühlen wie Robinson
Kurz ist dagegen die Fahrt zum Jormasjärvi. Hinter dem Auto hoppelt ein Anhänger durch ein paar Schlaglöcher, darauf ein kleines Boot. Und das lassen wir im See Jormasjärvi zu Wasser. Der ist zwar nur ein paar Kilometer von Vuokatti entfernt, vermittelt aber trotzdem das Gefühl von Einsamkeit. „Einmal so fühlen wie Robinson“, das ist der Plan. Beim Rudern wird es schnell warm.

Bis zur kleinen Insel inmitten des Gewässers sind es allerdings auch nur zweieinhalb Kilometer. Doch die ziehen sich in die Länge, als wir den Schutz einer Bucht verlassen und gegen den Wind ankämpfen. Bald schon schürft das Boot über die Steine am Ufer. Wir tragen die Ausrüstung zu der Jurte und kümmern uns um das Abendessen. Das wird sicherlich Fisch sein, wie die beiden Ruten vermuten lassen.

Mit Glück wird das Abendessen selbst geangelt
Sicherheitshalber hat Kimmo Fisch für das Abendessen mitgebracht. Wir rudern ein Stück hinaus auf den See. Der Finne lässt den Anker ins Wasser gleiten. Drei Meter, fünf Meter, acht Meter, erst dann trifft er auf Grund. »Wir versuchen es hier«, sagt er und kramt einen Wobbler aus einem Kasten, befestigt ihn an der Schnur. Ein eleganter Wurf und der Plastikfisch verschwindet mit einem leisen Plopp im Wasser.

„Absinken lassen, drei vier Umdrehungen, wieder absinken lassen…“, so Kimmos Ratschlag für eine sich immer wieder wiederholende Bewegung. Schon nach einigen Minuten hat das Angler-Mantra Erfolg. Bei Kimmo zuckt‘s und zieht‘s, ein Strahlen legt sich auf sein Gesicht. Yipp, da hängt was dran! Ein Hecht! Ein schönes, dunkel gefärbtes Tier. „Zu klein“, stellt der Finne fest, befreit den Fisch vorsichtig vom Haken und wirft ihn wieder ins Wasser. „Wir sehen uns in paar Jahren wieder“, sagt er schmunzelnd.

Man braucht keine Tropeninsel, um sich wie im Paradies zu fühlen
Auf der Pfanne über dem Lagerfeuer brutzelt bei Einbruch der Nacht Tiefkühlfisch – so viel sei über unser Anglerglück verraten. Dazu gibt es Kartoffeln und frische Pfifferlinge, die wir auf der Insel gefunden hatten. Und zum Nachtisch selbst gepflückte Blaubeeren, bevor wir in die kuschelig warmen Schlafsäcke kriechen – fast wie Robinson und Freitag. Man braucht keine Tropeninsel, um sich wie im Paradies zu fühlen. Es genügt auch eine kleine Insel in einem finnischen See…