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Schwede auf Mörderjagd: Schauspieler Rolf Lassgård

Hans Klüche hat Rolf Lassgård für NORDIS Das Nordeuropa-Magazin im April 2016 interviewt und sprach mit ihm über seine wohl sperrigste Figur, den Psychologen und Profiler ›Sebastian Bergman‹, über die Herausforderungen seines Berufs und sein liebstes Schweden. Anlässlich der Rezension der DVD ›Jäger – tödliche Gier‹,  die Hans für die Ausgabe Juli-August 2019 unseres Magazins schrieb, haben wir das Interview noch einmal online gestellt.

Rolf Lassgård ist für deutsche Zuschauer seit Jahren im großen Kino wie auf der heimischen Mattscheibe präsent. In den beiden Oscar nominiertem Filmen ›Nach der Hochzeit‹ und ›Ein Mann Namen Ove‹ erreichte er ein breites Kinopublikum und im TV sowie auf DVD-/Blu-ray-Veröffentlichungen verkörperte er u.a. neunmal den legendären Kommissar Kurt Wallander nach Stoffen von Henning Mankell. 
Ganz aktuell ist die Miniserie ›Jäger – Tödliche Gier‹ auf DVD erschienen, in der er den desillusionierten Ex-Kommissar Erik Bäckström spielt, der in seine alte Heimat im schwedischen Norrland zurückkehrt und eigentlich nur mit seinem Hund Bella wirklich gut klarkommt. Sein Naturell als penibler Ermittler kann er aber nicht ablegen und so rutscht er wider Willen in seinen nächsten Fall. Die Rolle des Erik Bäckström spielte Lassgård schon in den beiden Einzelfilmen ›Spur der Jäger‹ (1996) und ›Die Nacht der Jäger‹ (2011), die in Schweden erfolgreich im Kino liefen und im deutschen Sprachraum als Klassiker des Nordic Noir immer wieder gern im TV ausgestrahlt werden.

INTERVIEW: HANS KLÜCHE, Titelbild: © Trevanner-photo Baldur Bragason, Bilder: © Trevanner-photo Johan Paulin, © Oscar Lovnér, SoundImage / Edel: Motion

Nordis: Rolf, wir haben dich in vielen Rollen als Polizist und im Fall des Sebastian Bergman als Psychologen und Profiler erlebt. Bist du Schwedens perfekter Ermittler? 

Rolf: (lacht herzlich) Ach, ich weiß nicht. Ich glaube, die Realität ist etwas anderes. Ich habe diese Frage schon öfter gehört, aber im Film ist der Job wirklich leichter als im realen Leben.

Nordis: Was unterscheidet Sebastian Bergman von den vielen Kommissaren, die du verkörpert hast?

Rolf: Sebastian Bergman erlaubt eine andere Herangehensweise an die Fälle, er ist freier, ist kein Polizist, er braucht sich nicht so streng an die Gesetze zu halten und hat natürlich eine andere Perspektive. Er ist kein klassischer Ermittler und verfolgt einen psychologischen Ansatz. Dieser andere Blickwinkel macht es sehr interessant, ihn zu spielen. Er muss nicht nur nach Indizien suchen, sondern kann viel tiefer in Opfer und Täter hineinschauen. 

Nordis: Wie viel Einfluss hattest du auf die Entwicklung des Charakters Sebastian Bergman? 

Rolf: Einer der beiden Autoren der Romanvorlagen, Michael Hjorth, schrieb schon die Drehbücher meiner letzten drei, vier Wallander-Filme. Als wir uns ein paar Jahre später trafen, sprachen wir darüber, dass wir gut wieder einmal zusammenarbeiten könnten. Da haben wir dann ein Brainstorming gemacht, was für einen neuen Charakter wir erschaffen könnten. Dabei ist diese Idee für eine Figur entstanden, die neue Blickwinkel ermöglicht.

Nordis: Eigentlich wirkt Sebastian wie ein Antiheld mit vielen unsympathischen Zügen. Vor allem sein fast manischer Trieb, alle Frauen ins Bett zu kriegen die nicht bei drei auf dem Baum sind. Wofür brauchen wir eine solche Figur?

Rolf: Ich glaube, es ist für sowohl für mich als auch für das Publikum eine Herausforderung, dass man ihn eigentlich wenig mögen will, bis zu dem Punkt, an dem man erkennt, was er durchgemacht hat, seine eigene Geschichte, die ihn interessant macht, auch wenn er in den meisten Fällen eben nicht der »Gute Mensch« ist.

Nordis: Zu Bergmans Vergangenheit gehört der Verlust von Frau und Tochter beim Tsunami in Thailand 2004. Spielt diese Katastrophe in der schwedischen Gesellschaft auch heute noch eine große Rolle? 

Rolf: Ja, auf jeden Fall. Es sind bei dem Tsunami sehr viele Schweden umgekommen und das schwedische Publikum erinnert sich sehr genau daran. Ich glaube, fast jeder Schwede kennt jemanden, der damals in Thailand war. 

Nordis: Du hast schon so viele schwedische Ermittler gespielt. Hast du eine Idee, weshalb die Deutschen schwedische Krimis so lieben?

Rolf: Ich glaube, die Deutschen mögen einfach Schweden und überhaupt die nordischen Länder. Das hat sicher mit der Natur zu tun, dass diese so frei zugänglich ist, und auch mit dem Lebensstil. Wenn man dann einen Kriminalfall in einem wunderschönen, eigentlich sicheren kleinen Ort platziert, macht das die Geschichte wirklich stark. Es ist eben nicht Mexiko City, sondern es ist vielleicht Ystad oder ein anderen kleiner Ort, wo Schreckliches passiert. Und das eben oft vor schöner Naturkulisse und im Kontext ganz normalen Lebens. 

Nordis: Man hat das Gefühl, die Morde im Nordic Crime werden immer blutiger, perfider, abstoßender. Ist Schweden ein gefährliches Land?

Rolf: (lacht herzlich) Nein, sicher nicht. Es kann zwar mal etwas passieren, aber die Geschichten der Krimis sind sicher diametral zur Realität. 

Nordis: Ist Sebastian Bergman – die Figur, die Schauplätze, die Geschichten – eigentlich typisch schwedisch oder anders gefragt: Wir erleben dich zurzeit im Kino auch als nörgeligen, aber letztlich liebenswerten »Mann namens Ove«. Wer ist der typischere Schwede? 

Rolf: (lacht) Ich denke, Ove ist sehr viel typischer schwedisch. In Ove können wir uns alle leichter wiedererkennen. 

Nordis: Die deutschen TV-Zuschauer kennen dich vor allem als Ermittler in Krimis, haben dich aber auch schon in Filmen wie »Nach der Hochzeit« oder eben aktuell als »Ein Mann namens Ove« gesehen. Welche Rollen verkörperst du am liebsten? 

Rolf: Ich mache beides gern. Der Wechsel ist etwas, was ein Schauspieler will, die Herausforderung, unterschiedliche Rollen zu spielen. Und ich bin froh, so verschiedene Sachen zu machen, auch auf der Bühne. Ich arbeite zum Beispiel gerade beim Theater. Verschiedene Dinge zu machen lässt dich als Schauspieler leben, Routine ist zwar manchmal gut, aber man kann damit auch sterben. Wechselnde Herausforderungen sind das Interessante. 

Nordis: Wir kennen dich in Rollen, die dich von Ystad bis in den hohen Norden Schwedens führen und auch Sebastian Bergman kommt bei seinen Fällen im ganzen Land herum. Welches Schweden mag denn der private Rolf Lassgård am liebsten?

Rolf: Im Augenblick lebe ich in Mittelschweden, bin aber im Norden geboren und habe mein Sommerhaus im Süden, nicht weit von Ystad. Meine Wurzeln sind daher im Norden, aber ich genieße wirklich den Süden, die südlichen Teile von Skåne in der Region um Ystad und verbringe da viel Freizeit.

Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

Info:

Gefragter Krimi-Mime
Für viele Krimifans ist Rolf Lassgård, der bullige Kerl, Jahrgang 1955, Inbegriff des schwedischen Ermittlers: robust mit weichem Kern. Solche Typen setzt Lassgård immer wieder brillant in Szene: In den 1990er Jahren den rustikal auftretenden Gunnvald Larssen in den ersten Verfilmungen der legendären Romane von Maj Sjöwall und Per Walhöö, eine Rolle, die später Mikael Persbrandt übernahm. Dann den einsamen Wolf Erik Bäckström, der in »Die Spur der Jäger« (1996) und »Die Nacht der Jäger« (2011) in rauer Norrland-Landschaft ermittelt. Außerdem den ersten Kurt Wallander in neun Verfilmungen nach Stoffen von Henning Mankell, ehe Krister Henriksson und Kenneth Branagh dieser Figur ihre Gesichter gaben. Oder als Schwedens oberster Polizei-Ermittler Lars Martin Johansson, der den Palme-Mord und die Geiselnahme in der deutschen Botschaft von Stockholm durch die RAF wieder aufrollt, Filme nach Politthrillern aus der Feder von Leif G. W. Persson. Und schließlich ist da der Polizeipsychologe und Profiler Sebastian Bergman, dessen in sich so widersprüchliche, schillernde Figur Lassgård bisher in vier Filmen in Anlehnung an Romane des Duos Michael Hjorth (Drehbuchautor vieler Wallander-Filme) und Hans Rosenfeldt (Drehbuchautor u.a. der Serie »Die Brücke – Transit in den Tod«) verkörperte.

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