Norwegen Outdoor

Mit Paddelschlägen durch Norwegen

Kanuwandern auf dem Telemarkkanal 

Ein echtes Eldorado für Wassersportler: Dazu gehören unbestritten die unzähligen Seen, Flüsse und Kanäle Norwegens. Grandiose Landschaften vermitteln dort im Minutentakt ein unvergleichliches Gefühl von Freiheit und Wohlsein. Interesse weckt dabei unter Kanuten der berühmte Telemarkkanal, der neben dem Naturerlebnis auch kulturell so manche Überraschung an den Ufern parat hat.

Ein Artikel aus unserem Nordis-Magazin 3/18 Text & Fotos: Klaus Herzmann

Wer nach Norwegen reist, der denkt unweigerlich an bilderbuchähnliche Landschaften wie tief eingeschnittene Fjorde, gewaltige Berge und kulturelle Highlights. Zu Recht. Ein Reich voller Kontraste und Geheimnisse – ein Zufluchtsort und Magnet für all diejenigen, die gerne der zivilisierten Alltagswelt zu entfliehen wünschen. In der Gesamtfläche, ähnlich groß wie Deutschland, jedoch mit nur fünf Millionen Menschen besiedelt, bietet das Land alles, was das Herz eines jeden Naturfreundes erfreut. Es erschließt sich dem Kanuwanderer eine vom Alter unabhängige Welt, die intensivsten Kontakt mit der Natur garantiert. Der Telemarkkanal in der Provinz Telemark mit seinen über 100 Kilometern Länge und seinen vielen beeindruckenden Schleusen ist ein wunderbares Beispiel dafür. Ganz langsam nähern wir uns Skandinavien, nehmen die Fähre von Puttgarden nach Dänemark, statten Kopenhagen einen Besuch ab und entern die DFDS Seaways nach Oslo, das wir den Tag darauf ausgeruht erreichen sollen. 

So wie man sich Norwegen vorstellt

Was bei Ankunft direkt positiv auffällt: Niemand drängelt im Straßenverkehr, niemand rast – es geht nordisch-ruhig zu auf unserem Weg nach Dalen. Dem Ausgangsort für unsere Paddeltour.

Unterwegs dorthin statten wir der größten Stabkirche Norwegens einen Besuch ab. Der Blickfang wurzelt seit dem 12. Jahrhundert in Heddal. Ein Wunderwerk der Architektur, ganz aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz gefertigt und mit ihren vielen Dächern und Türmen ein gelungenes Fotomotiv. Dort wo sich das Tal wieder weitet, man einen ersten herrlichen Blick auf den Bandak-See erfährt, liegt dann auch Dalen – ganz nah am Wasser gebaut. Ein schmucker kleiner Ort: Hafen, Touristinformation, Supermarkt, eine handvoll Häuser und das historische in gelb strahlende Dalen-Hotel. Hier zerren wir das Equipment aus dem Auto und organisieren uns für den nächsten Tag. Haben wir auch an alles gedacht? Zelt, Kocher, Westen, Wurfsack, Ersatzpaddel, Food für sieben Tage – so wie das aussieht, haben wir nichts vergessen. Telemarkkanal wir kommen.

Unendlicher Paddelspaß

Der See liegt in den frühen Morgenstunden wie ein Spiegel vor uns, nur kleine Wellen schmeicheln den Ufern, die Sonne scheint. Paddelbedingungen wie aus dem Lehrbuch. Unseren Kanadier haben wir noch am Abend zuvor zusammengebaut. Wir verstauen die wasserdichten Kanusäcke und Tonnen und stoßen uns vom Ufer ab. Zug um Zug gleiten wir über den See, niemand redet, unendliche Ruhe. Um uns herum sattgrüne Waldberge, die sich weit nach oben in den blauen Himmel recken. Erst nach ungefähr zehn Kilometern erahnen wir die erste Siedlung. Hier in Lardal ist der Bandaksee besonders breit. Kiefern und Birken klammern sich an die Hänge, eine kleine schmucke Kirche gibt es zu besichtigen, aber auch der Pfarrhof verdient Aufmerksamkeit. Auf dem Campingplatz stehen bunt gewürfelt einige Zelte. Wir sind noch früh dran heute, also paddeln wir weiter. Gegenüber liegt der kleine Ort Bandaksli. Den, so mussten wir Tochter Laura versprechen, sollen wir unbedingt ansteuern. Es ist schon ein paar Jahre her, dass wir für zwei Tage auf dem See unterwegs waren und wir in jenem kleinen Ort eine liebenswürdige betagte Dame kennenlernen durften. Angetroffen haben wir ihren Sohn, der sich mächtig freut. Seine Mutter Ruth hat es sich mittlerweile mit beinahe 100 Jahren in einem Seniorenheim bequem gemacht. Nach einem Kaffee und leckeren Kanelbollen (Norwegische Zimtschnecken) zieht es uns wieder zu neuen Ufern. Steil ragen jetzt die Felsen aus dem Wasser auf und es soll noch einige Zeit dauern, bis wir auf einem fein gekiesten Strand unser Nachtlager aufbauen können.

Bilderbuchlandschaften

Wir lassen den Bandak hinter uns münden in den Strauman, der sich mehr als Fluss denn als See zeigt. Der geht nahtlos in den Kvitseidsvatnet über, der wiederum später in den nächsten See mündet. Campingplätze sind reichlich vorhanden, aber als notorische Wildcamper suchen wir uns jeden Abend ein Plätzchen nach unserem Geschmack. Dann wird das Zelt aufgebaut, ein kleines Grubenfeuer entfacht, Tee getrunken und etwas Leckeres gegessen. Nur das tägliche Bad im See kostet immer etwas Überwindung. Es ist doch ganz schön kalt, aber das gehört zum Draußen sein einfach dazu.

Wir paddeln weiter auf dem Flavatn dahin bis nach Strengen. In der Zeit der Holzflößerei wurden hier riesige Holzbündel geschleppt, die den Menschen an den Ufern ein Auskommen bot. Saßen wir bis jetzt nur im Boot, so zeigen sich ab hier ganz andere Herausforderungen. Schleusen. Gebaut wurde der Telemarkkanal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, um die wirtschaftlich reichen Regionen Telemarks an die Skagerrak-Küste Südnorwegens anzubinden. Das geschah zu einer Zeit, als in Norwegen der Verkehr fast ausschließlich via Wasserwege funktionierte. Postkutschen waren mühsam, das Auto noch nicht erfunden. Bei seiner Einweihung mussten ab sofort 72 Höhenmeter durch 18 Schleusenkammern von der Nordsee bis nach Dalen überwunden werden, ein bauliches Meisterwerk. Heute sind die Schleusen weniger Lebensader, vielmehr touristische Attraktion. Ganz besonders natürlich die hier verkehrenden Schiffe: M/S Hendrik Ibsen und die M/S Victoria, die beide seit mehr als 100 Jahren zuverlässig ihren Dienst verrichten und exakt nach der Größe der Schleusen gebaut wurden. An den Schleusen ist als Paddler allerdings Vorsicht geboten. Wir achten auf die Schilder, landen früh genug an, ziehen das Boot aus dem Wasser und nutzen einen Portagenwagen, um das Hindernis zu umgehen. Was manches Mal doch einiges an Energie kostet. Eine Gruppe Japaner bittet freundlich um ein Foto. Das auch noch. Sie streifen unsere Westen über und posieren ganz bootsmännisch vor unserem roten Kanadier. Dann geht’s auch schon weiter. An den Schleusen Vrangfoss, Eidsfoss und Ulefoss verweilen wir allerdings am Längsten, denn diese faszinieren uns mit ihrer Höhendifferenz. Besonders dann, wenn die alte Hendrik Ibsen mit lautem Pfeifen in die erste Schleusenkammer fährt und das Personal wie seit jeher die Schleusentore von Hand und mit viel Muskelkraft bedient. Ein unglaubliches Spektakel.

Dem Ziel so nah

Gemütlich gehen wir die letzten beiden Tage unserer Paddeltour auf dem historischen Telemarkkanal an. Bestimmt liegt der reizvollste Teil der Tour hinter uns, allerdings haben wir uns fest vorgenommen weiter bis nach Skien zu paddeln. Überall sehen wir jetzt kleine Bootsanleger mit hübschen Holzhäusern im Hintergrund. Ein Norweger, den wir am Ufer ausmachen, erzählt uns, dass wir jetzt auf dem ältesten Teil des Kanals paddeln würden. Eine Nacht liegt noch zwischen uns und unserem Ziel. Ein letztes Mal suchen wir ein schönes Camp am idyllischen Norsjo, bevor uns die Zivilisation in Skien endgültig wieder hat. Skien ist eine schmucke Stadt, deren Geschichte bis in das 11. Jahrhundert zurückreicht. Wegen seiner günstigen Lage in Küstennähe sowie der vielen Seen und Flüsse entwickelte sich die Stadt bald zum wichtigsten Ausfuhrzentrum der Wald -und Hügelregion Telemark. Hier landen wir an, legen unsere Westen ab und freuen über unsere grandiosen Tage auf dem Telemarkkanal. Aber auch über ein weiches Bett und eine heiße Dusche …

Infobox Paddeln auf dem Telemarkkanal in Norwegen

Allgemeine Informationen

Anreise

Den Ausgangspunkt in Dalen erreicht man zum Beispiel via Fähre von Puttgarden nach Rodby/Dänemark mit der Scandlines (www.scandlines.de) und weiter von Kopenhagen nach Oslo mit DFDS Seaways (www.dfds.de) über Nacht. Mit dem Auto geht es von Oslo über die E18 nach Drammen, über die E138 über Notodden nach Höydalsmo und weiter auf der 45 zum Ausgangspunkt. Eine gute und günstige Alternative ist die Überfahrt mit Fjordline (www.fjordline.com) direkt von Hirtshals (DK) nach Langesund in die Telemark (Weiterfahrt E18, E38 bis Dalen). 

TIPP: Nach dem Abladen den PKW zum Zielpunkt nach Skien bringen (großer Parkplatz im Stadtzentrum) und mit dem Kanalbus zurück zum Ausgangsort. Fahrzeit Auto: ca. 2 Std. Fahrzeit Kanalbus: ca. 3 1/2 Std. Infos zu Abfahrtzeiten: www.kanalbussen.no

Reiseführer/Karten

Martin Schmidt: Norwegen, Reise Know-How Verlag, 815 S, 24,90 Euro, Karte Norwegen Süd, (1:500.000), Reise Know-How Verlag, 9,95 € (www.reise-know-how.de); Lars Schneider: Outdoor Kompass Südnorwegen, Thomas-Kettler-Verlag, 264 S., 19,90 € (www.thomas-kettler-verlag.de); Kartenmaterial über den Kanal + Zeltplätze, 1:100.000, kann in der Touristinfo in Skien oder Dalen erworben werden.

Tourenvorschlag 

Der Telemarkkanal von Dalen nach Skien umfasst eine Länge von ca. 105 Kilometern. Dafür sollten je nach Kondition vier bis sieben Tage eingeplant werden. Größtenteils paddelt man dabei auf wunderbaren Seen und flussartig natürlichen Verbindungsstrecken. Hindernisse bilden ausschließlich die Schleusen, die umtragen werden müssen – hier empfiehlt sich ein Portagenwagen (der zur Not an jeder Schleuse auch ausgeliehen werden kann). Kommt Wind auf, empfiehlt sich die Weiterfahrt in Ufernähe. 

Übernachtung

Campingplätze gibt es viele am Telemarkkanal. Beispiel Lunde: kleines Zelt/ Kanu 130 NOK/Tag. Darüber hinaus gilt in Norwegen das Jedermannsrecht: Für eine Nacht darf man sein Zelt in der Natur aufbauen – allerdings mit festen Spielregeln: Nichts zerstören, Müll mitnehmen und keine Privatgrundstücke von Wohn- und Ferienhäusern betreten.

Kanuverleih

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