Radtour über die südschwedische Insel Ven

Wasser, Whisky und Weltall

Wie Wespen schwirren an Sommertagen Hunderte von Fahrrädern auf Ven umher. Einer Sage nach soll die kleine Insel zwischen Landskrona in Schweden und Dänemark aus einem Klumpen Erde entstanden sein, den ein Riese über dem Meer verloren hat. Andere sprechen von der Perle im Öresund. Wunderschön ist es auf Ven tatsächlich – noch dazu steckt das Eiland voller Überraschungen.

Text & Fotos: Claudia Linz

Schon die Anfahrt von Landskrona aus zur Insel Ven macht Ausflugslaune. Eine halbe Stunde währt die Schiffsreise über den wie Samt schimmernden, tiefblauen und mit weißen Segeln gesprenkelten Öresund. Angekommen in Bäckviken mit seinem von einigen Häusern umgebenen kleinen Hafen strebt man wie alle Besucher den steilen Hügel hinauf zu Vens Fahrradvermietung. Oben angekommen, leuchten rund 2.000 Fahrräder in der Sonne, darunter auch Tandems und welche mit Kinderanhänger.

Wer sich eines der Räder mietet, erhält den Schlüssel mit der Nummer und sucht sich das entsprechende Gefährt aus den nummerierten Reihen heraus. Man kann die gut zwei Kilometer breite und 4,5 Kilometer lange Insel mit dem E-Bike, im Golf-Caddy, auf dem Pferdewagen, im Traktorleiterwagen und auf dem Pferderücken erkunden. Das sollte man vorher allerdings buchen.

Hinter Vens »Cykeluthyrning« (so heißt die Fahrradvermietung) biegt man links ein auf den Nämndemansvägen. Dort liegt Nämndemansgården, ein Museumshof aus dem 18. Jahrhundert. In dem vierflügeligen Gehöft und den frei stehenden Gebäuden kann man sehen, wie die Menschen vor etwa 200 Jahren auf der Insel gelebt haben, auch Handwerker zeigen ihr Können.

Über Feldwege und vorbei an Weizenfeldern radelt man anschließend in Richtung Küste und gelangt über den Landvägen zur ersten Überraschung.

Himmelsforscher ohne Fernrohr

Das Tycho-Brahe-Museum mit interaktiven Stationen, Filmen – zum Beispiel über die heute nicht mehr existierende berühmte Sternwarte Uraniborg –, Modellen, Skizzen, Zeichnungen und alten Messgeräten ist die Hauptattraktion in der Inselmitte. Eindrucksvoll ist das unterirdische Observatorium Stjärneborg. In kleinen Gruppen schlendert man durch das kuppelförmige Gebäude und kann dort in einer Licht- und Tonschau den Himmel und die Sterne mit den Augen Tycho Brahes betrachten.

Im Museum sind seit diesem Jahr zwei neue Ausstellungen zu sehen. In einer erlebt man live die Supernova, die der Astronom 1572 im Sternbild Kassiopeia entdeckte. Die zweite digitale Schau zeigt, wie Fischer, Bauern und Kinder im 16. Jahrhundert auf Ven lebten. Auf dem Gelände des Museums beginnt außerdem ein skalengenauer Planetenweg. Es gibt eine Wetterstation, einen Renaissancegarten und einen Platz mit Spielen aus dem 16. Jahrhundert wie Kegeln und Ringewerfen. Übrigens: Als Brahe den Himmel und die Sterne beobachtete, war das Fernrohr noch gar nicht erfunden. Trotzdem waren seine Messungen außerordentlich präzise.

Zeit für eine Mittagspause

Wer jetzt Hunger bekommen hat, kehrt ein im »Pumpans«, einem Hofcafé mit Restaurant, in dem unter Baumkronen hausgemachte, vegetarische Gerichte serviert werden. Die Zutaten stammen vorwiegend aus ökologischem Anbau. Auch ein Abstecher zu Hvendurum lohnt sich. In der kleinen Traditionsbäckerei, die heute von den Enkeln des Gründers betrieben wird, werden die berühmten schwedischen Kanelbullar mit Durumweizen gebacken. Eine Besonderheit – schließlich ist Ven der nördlichste Platz in Europa, an dem Hartweizen gedeiht. Gestärkt oder mit Proviant versorgt radelt man weiter zur mittelalterlichen, romanischen Kirche St. Ibbs.

Das Spektakulärste versteckt sich dabei hinter dem weißen Gebäude. Es ist die Aussicht auf den Öresund und hinunter zum Hafen von Kyrkbacken. Bei der steilen Abfahrt hinunter in den Ort weht der Wind um die Nase. Unbedingt sollte hier eine Rast am Sandstrand eingeplant werden, bei schönem Wetter auch ein Bad im Meer. Am Hafen befinden sich Backafalls Fischräucherei und das Restaurant Ella. Letzteres ist bekannt für seine Gerichte mit Fisch und Schalentieren und wurde von Schwedens wichtigstem Restaurantführer White Guide ausgezeichnet.

Schmuck und Whisky

Nach dieser Rast führt die Radtour nach links zur 30 bis 40 Meter hohen Steilküste Backafallen. Auch von dort ist die Aussicht spektakulär. Am Norreborgsvägen in dem kleinen Dorf Tuna in der Inselmitte hat die in Schweden bekannte Goldschmiedin und Kunsthandwerkerin Malin Ljung ihr Atelier. Frauen schauen sich die Schmuckstücke sicher gerne an, während die Männer wohl schon mit der nächsten Sehenswürdigkeit liebäugeln. »Spirit of Hven« in Backafallsbyn ist ein Vier-Sterne-Hotel mit einer der kleinsten und feinsten Destillerien der Welt.

Wodka, Gin, Aquavit und Single Malt-Whisky werden dort gebrannt und erhalten in internationalen Wettbewerben immer wieder Auszeichnungen in Gold, Silber und Bronze. Mit der Serie »Seven Stars« wird jedes Jahr ein besonders exklusiver Whisky abgefüllt, mittlerweile ist es der Fünfte. In Spirit of Hven können sich Besucher durch die Destillerie führen lassen, und auch Verkostungen werden angeboten. Außerdem kann man dort in einem Feriendorf mit Hotelstandard übernachten.

Weiter geht die Radtour immer am Meer entlang bis zum Camp Ven, einem Campingplatz mit Ferienhütten. Dort besteht die Möglichkeit, die Fahrräder abzustellen, und den Rest bis zum Fähranleger in Bäckviken zu Fuß gehen. Unterwegs kommt man an den wolligen Alpakas vorbei. Christel Ericsson bietet für Gruppen auch Wanderungen mit den Tieren mit dem zotteligen Fell an.

Ist noch etwas Zeit bis zur Rückfahrt nach Landskrona, sollte unbedingt ein Eis probiert werden. In Hvens Glassfabrik wird der kühle Schmelz täglich frisch und aus natürlichen Zutaten hergestellt. Zumindest ein wenig versüßt das den Abschied von der kleinen Insel im Öresund zwischen Dänemark und Schweden.

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Wer war Tycho Brahe?
Der Däne Tycho Brahe gilt als einer der bedeutendsten Astronomen. 1546 war der Adelige auf Schloss Knutstorp in der Nähe von Landskrona geboren worden. Während eines Duells mit einem Kommilitonen im Streit um eine mathematische Formel verlor er mit 20 Jahren einen Teil seiner Nase und soll fortan eine Prothese aus Metall getragen haben. Bis 1597 lebte und forschte Brahe rund 20 Jahre auf seinem Schloss Uraniborg auf Ven. Der Dänenkönig Fredrik II. hatte ihm die Insel für Forschungen zur Verfügung gestellt. Ven wurde erst 1658 schwedisch. Brahes Messungen und Beobachtungen der Fixstern- und Planetenpositionen, die er in der unterirdischen Sternenwarte Stjärneborg vornahm, waren damals mit Abstand die präzisesten. Berühmt wurde Brahe, als er 1572 mit bloßem Auge eine Supernova entdeckte, »ein Wunder, wie es seit Anbeginn der Welt nicht gesehen wurde«.

Allgemeine Informationen
Schweden: www.visitsweden.de
Ven: www.visitskane.com oder www.visitlandskrona.se

Anreise
Fähren nach Ven beziehungsweise Hven – das ist die dänische Schreibweise – legen in Kopenhagen oder in der südschwedischen Küstenstadt Landskrona ab. Von Landskrona verkehren sie bis zu neun Mal am Tag, in der Hochsaison vom 1. Juli bis 13. August gibt es 15 Abfahrten täglich. Um möglichst viel Zeit auf der Insel zu haben, startet man am besten bereits um 8:20 Uhr oder 10:00 Uhr. Unter der Woche ist deutlich weniger los als an Samstagen und Sonntagen. Die Überfahrt dauert 30 Minuten. Familienticket hin und zurück 300 SEK (2 Erwachsene und bis zu 3 Kinder), Erwachsene zahlen für die einfache Fahrt 75 SEK, Kinder von 6 bis 16 Jahren 25 SEK. Tickets sind im Voraus buchbar über www.ventrafiken.se.

Von Havnegade im dänischen Kopenhagen startet die Fähre um 9.15 Uhr. Zurück geht es um 16:30 Uhr ab Bäckviken. Die einfache Überfahrt dauert eineinhalb Stunden. Erwachsene zahlen für einen Tagesausflug hin und zurück 240 DKK, Kinder 160 DKK. Das Familienticket für zwei Erwachsene und zwei Kinder ist für 690 DKK erhältlich. Fährt man an einem anderen Tag zurück, kostet das 280, 190 beziehungsweise 810 DKK.

Übernachtung
Camp Ven: Campingplatz mit Hüttendorf, www.campven.com
Vandrarhem: einfache Unterkunft in Bäckviken, www.vensvandrarhem.se
Spirit of Hven: Ferienhäuser mit Hotelstandard in Backafallsbyn, www.hven.com

Sehenswert
Tycho-Brahe-Museum: Eintritt 80 SEK, Kinder bis einschließlich 15 Jahre haben freien Eintritt. Keine Führungen in Deutsch.

Essen & Trinken
Bäckviken: Pumpans Café & Restaurang, Hofcafé mit vegetarischen Gerichten
Bäckviken: Hvens Glassfabrik
Kyrkbacken: Restaurang Ella
Kyrkbacken: Backafalls Fischräucherei
Backafallsbyn: Hotel-Restaurang Spirit of Hven

Aktivitäten
Das Fahrrad ist das perfekte Fortbewegungsmittel auf Ven. Unterwegs ist man auf festen Straßen, Schotter- und Feldwegen. Ein normales Leihfahrrad kostet pro Tag 110 SEK (Kinder bis 12 Jahre 80 SEK), Tandem 190 SEK, E-Bike 200 SEK. Am 2. Tag halber Preis. Badesachen nicht vergessen! Wer die Insel mit dem Fahrrad umrunden, Picknick machen, Baden und das Museum besuchen möchte, sollte auf Ven übernachten. An einem Tag ist das nur mit Abstrichen zu schaffen. www.venscykeluthyrning.se