Dort, wo die Sonne im Sommer immer scheint…

(Tromsø und Senja / Region Troms / Norwegen)

Text & Bilder: Sirko und Conny Trentsch (www.nordlandblog.de)

Wir konnten es uns wirklich nicht vorstellen: Die Sonne geht nicht unter, die Menschen sind bis in die Nacht aktiv, es wird nicht dunkel und überhaupt – wann und wie soll man da schlafen ? Nachdem uns im Winter bereits das tanzende Polarlicht der Aurora Borealis in seinen Bann gezogen und regelrecht verzaubert hatte, stand für uns fest: Wir müssen im Sommer noch einmal in die atemberaubenden Landschaften nördlich des Polarkreise reisen, um wenigstens einmal im Leben auch die Mitternachtssonne zu erleben.

Aber wohin sollen wir reisen ? Die Region um die Hauptstadt der Fylke Troms (vergleichbar mit unseren Bundesländern), die Stadt Tromsø, kannten wir, genau wie die Inselgruppe der Lofoten, von unseren voran gegangenen Reisen bestens. Sollten wir uns das im Sommer, im goldenen Licht der Mitternachtssonne, noch einmal anschauen….? Oder lieber eine Rundreise im Norden von Norwegen ?

Die Vorbereitungen unserer Reise laufen auf Hochtouren…

Wir erinnern uns an die Empfehlung einer Einheimischen, die wir im Winter auf einer Tour getroffen hatten: “Ihr müsst unbedingt die Insel Senja besuchen. Sie ist so wunderschön und vereint alles, was den Reiz Norwegens ausmacht…”. Perfekt !! So beginnen wir mit unseren Planungen und finden die für uns richtige Balance zwischen Erholung und Erlebnissen: Eine Woche werden wir in der Nähe von Tromsø bleiben, um dann mit einem Mietwagen auf der Fähre Brensholmen – Botnhamn nach Senja weiterzureisen und nach einigen Tagen auf der Insel von Tromsø aus wieder zurückzufliegen.

Wir brechen auf und haben den Kompass auf NORDEN

• Beste Region: Nördlich vom Polarkreis

• Beste Zeit: Saison von Mai – Ende Juli

• Kameraeinstellung: Schöne Strahlen um die Sonne erhält man mit einer kleinen Blende/ um bei der Entwicklung noch Reserven zu haben sollte man die Bilder im RAW Format speichern (besonders für die Anhebung der Tiefen/ Weißabgleich automatisch

• Ausstattung: Stativ, Kamera mit manuellen Einstellmöglichkeiten für Blende usw. Pol- und Grauverlaufsfilter

Wir fliegen mit einem Zwischenstop in Oslo nach Tromsø und nutzen den Aufenthalt auf dem Flughafen Oslo-Gardermoen, um schon fast traditionell eine Schüssel Bacalao zu essen. Dieser Fischeintopf, der aus dem getrockneten Stockfisch hergestellt wird und in vielen Regionen Norwegens als auch in Südeuropa sehr populär ist, schmeckt hier immer wieder erstaunlich gut und ist für norwegische Verhältnisse auch noch recht günstig.

Nach unserem Anschlussflug in den “hohen Norden” übernehmen wir, dort angekommen, unseren Mietwagen. Es ist stark bewölkt – von Sonne keine Spur – egal ob am Tag oder in der Nacht…. Wir studieren den Wetterbericht auf der wirklich guten und zuverlässigen Seite www.yr.no und schnell werden für uns zwei Dinge offensichtlich: Auf der einen Seite ist es (logischerweise) auch zu dieser Zeit nicht sicher, ob die Sonne überhaupt scheint, aber andererseits steigt die Wahrscheinlichkeit auf fast 24 Stunden am Tag, denn selbst wenn es tagsüber bewölkt ist, kann man ja eventuell in der “Nacht” den Sonnenschein genießen… Wahnsinn !!

Geschafft !! Endlich wieder im Norden von Norwegen…

Wir nutzen den ersten Tag und das durchwachsene Wetter, um uns in unserer Hütte einzurichten, Lebensmittel einzukaufen und unsere Ausrüstung für die nächsten Tage vorzubereiten. Am nächsten Tag wird für die Abendstunden eine Auflockerung der Bewölkung und teilweise Sonnenschein angekündigt.

Alles klar: Wir schlafen tagsüber “vor” und brechen gegen 20.00 Uhr nach Tromsø auf, um mit der Seilbahn Fjellheisen auf den Berg Storsteinen zu fahren. Wir lieben den Blick von dort oben über die Stadt und noch dazu können wir in dem gemütlichen Restaurant an der Bergstation (geöffnet während der Zeit der Mitternachtssonne bis 1.00 Uhr in der Nacht) eine Kleinigkeit essen. Uns fehlt allerdings immer noch die Fantasie, dass die dichten Wolken wirklich aufziehen sollen – bis uns dann, kurz nach Mitternacht die Sonne tatsächlich erstmals mit ihrem goldenen Licht in der Nacht anstrahlt:

Wir sehen das erste Mal die Sonne in der Nacht über Tromsø

Wir sind sprachlos und unbeschreiblich fasziniert. Nachdem wir die letzte Bahn zurück genommen haben, fahren wir wieder in Richtung unserer Hütte, obwohl wir eigentlich gar nicht zurück wollen. Alle hundert Meter halten wir an und genießen dieses unglaublich warme Licht mitten in der Nacht. Wie ein überdimensionierter Scheinwerfer strahlt die Sonne direkt und indirekt die ohnehin märchenhafte Landschaft an. Da kann man doch nicht schlafen gehen…. Wir sind auch gar nicht müde und müssen wohl aufpassen, dass wir die nächsten Tage ausreichend schlafen. Gegen 3.00 Uhr in der Nacht legen wir uns hin und haben gut zu tun, in den Schlaf zu finden..

Fototipps für die Zeit der Mitternachtssonne

Die Stimmungen und Lichtverhältnisse in diesen Nächten einzufangen, stellt teilweise eine große Herausforderung dar: Durch die extremen Kontraste zwischen den dunklen und den von der Sonne angestrahlten Bereichen, kommt man schnell an die Grenzen des möglichen Dynamikumfanges der meisten Kameras. Wir fotografieren daher einmal mehr im Rohdatenformat (RAW), um im Anschluss, bei der Entwicklung in Adobe Lightroom noch genug Reserven zu besitzen. So lassen sich tiefe (dunkle) Bereiche nachträglich aufhellen und die extrem hohen (hellen) Stellen ein Stück weit abblenden.

Weiterhin nutzen wir intensiv unsere Grauverlaufsfilter (ND Filter) mit weichem Verlauf von Lee, die bereits vor der Aufnahme helfen, ausgewählte Bereiche, im Verhältnis zum restlichen Motiv, abzudunkeln. In jedem Fall empfehlen wir Euch folgende Ausrüstung: Eine Kamera mit manuellen Einstellmöglichkeiten für Blende, ISO und Belichtungszeit, ein gutes Stativ (die Belichtungszeiten werden im Dämmerlicht oft ein Stativ erfordern), Polfilter und Grauverlaufsfilter und eventuell noch einen Fernauslöser für die Kamera (hier hilft auch die Selbstauslöserfunktion der Kamera, um Verwacklungen durch das Drücken des Auslösers während der Aufnahme zu vermeiden).

Ihr solltet Euch ebenfalls die Mühe machen, im RAW Rohdatenformat aufzunehmen, denn die damit verbundene Mehrarbeit im Anschluss, wenn man seine Aufnahmen selbst noch entwickelt und in das geläufige JPEG / JPG Format exportiert, ist oft durch bessere Ergebnisse gerechtfertigt. Darüber hinaus macht es durchaus Sinn, auch wenn die Region unzählige tolle Motive bietet, sich im Vorfeld Gedanken zu machen, wo und was man in der kommenden Nacht erleben und fotografieren möchte, wenn die Sonne statt unterzugehen alles golden anstrahlt….

Wir machen die Nacht zum Tag

Wir machen sprichwörtlich die Nacht zum Tage: Tagsüber versuchen wir zu schlafen und am Abend, oft erst nach 22.00 Uhr ziehen wir los… Mit einer gewissen Naivität hatten wir unsere Stirnlampen mitgeschleppt, um schnell zu erkennen, dass wir diese nicht brauchen werden. Es wird einfach nicht dunkel !!

Am Tag gibt es für uns kaum etwas zu fotografieren oder zu entdecken: Der Dunst in den Mittagsstunden und die extrem hoch stehende Sonne bieten im Verhältnis zum Licht in den Nächten kaum einen besonderen Reiz. Aber am Abend, wenn sich die ganze Landschaft wie von Geisterhand golden verfärbt und man das Gefühl hat, einen stundenlangen, nie endenden Sonnenuntergang zu erleben, ja dann hält uns nichts mehr in unserer Hütte. Augenscheinlich geht es aber den Einheimischen nicht anders: Nach der langen Dunkelzeit in der Polarnacht nutzen sie jede Stunde dieses kurzen aber so intensiven Sommers.

Man sollte sich also nicht wundern, wenn man nachts um 3.00 Uhr andere Menschen trifft, irgendwo her Gitarrenmusik hört oder an den Stränden noch Lagerfeuer zu sehen sind. Irgendwie scheinen alle auf den Beinen zu sein und diese tolle Zeit zu genießen….

Reif für die Insel – ab nach Senja

Nach einigen Tagen in der Nähe von Tromsø geht es jetzt für uns mit der Fähre weiter auf die magische Insel Senja – wie sie auch genannt wird. Wir sind mächtig gespannt – haben wir doch viel im Vorfeld darüber gelesen…. Erst einmal ist wieder gar nichts mit Sonne – weder am Tag, noch in der Nacht. Im Regen suchen wir unsere Hütte, die in den nächsten Tagen unser Zuhause sein wird. Wir nutzen das schlechte Wetter, um den fehlenden Schlaf der ersten Woche nachzuholen und sind eigentlich gar nicht böse, denn etwas zwangsläufige Ruhe tut wirklich einmal gut.

Die Insel Senja liegt etwa 350 Kilometer nördlich des Polarkreises und bietet auf einer Fläche von 1600 Quadratkilometern nicht nur 8000 festen Einwohnern eine Heimat, sondern auch eine Landschaft, die einzigartig und unbeschreiblich schön ist. Da die südlich gelegene Inselgruppe der Lofoten das durchaus populärere und stärker besuchte Reiseziel darstellt, findet man auf Senja zu jeder Jahreszeit, fernab großer Touristenmassen, durchaus noch seine Ruhe und Erholung.

Es gibt auf der Insel viele Sehenswürdigkeiten, Kuriositäten und eine einmalig abwechslungsreiche Natur: Lange Sandstrände, maritime Fischerdörfer, grandiose Bergketten an der Küste im Nordwesten, eine der offiziellen Touristenstraßen Norwegens mit goldenen Toilettenhäuschen, atemberaubende Wanderwege, karibikblaues Wasser, liebliche Landschaften im Süden, eine Küstenfestung, den grössten Troll der Welt (“Guinessbuch der Rekorde”) und vieles, vieles mehr….

Wir sind fast nur noch nachts unterwegs

Bereits am zweiten Tag haben wir zumindest in der Nacht “tolles Wetter und Sonnenschein”, so das wir nun komplett zu “Nachtschichten” übergehen. Immer am Abend, nach einem leckeren Abendessen – oder gilt das jetzt als Frühstück ? – geht es auf immer neue Entdeckungstouren. Oft und gern fahren wir zu den verschiedensten Zeiten die anerkannte offizielle “Senja-Landschaftsroute” im Nordwesten der Insel entlang, da wir immer wieder von den Berg- und Felsformationen beeindruckt sind, die hier teilweise einige hundert Meter aus dem Meer empor ragen.

Das bekannteste Motiv ist dabei sicherlich das “Gebiss des Teufels” – eine Bezeichnung, die man mit einiger Phantasie gut nachvollziehen kann:

Neben einer Angeltour mit einem einheimischen Guide von Hamn i Senja aus, ist eine Nachtwanderung auf den “Sukkertoppen” (Zuckerhut) ein weiteres Highlight für uns. Der Berg hat seinen Namen auch wirklich verdient: Unglaublich spitz und schroff erhebt er sich direkt an der Küste über dem Meer.

Wir brechen um 22.00 Uhr auf, um dann kurze Zeit später, etwas unterhalb vom Gipfel auf einem Plateau zu sitzen: Es ist windstill, mitten in der Nacht, das Meer liegt ganz ruhig und man hört leise die Brandung sowie einige Seevögel in der Ferne. Wir trinken Tee aus der Thermoskanne und spüren diesen Frieden, die Ruhe und das echte Glücksgefühl…. Kann es schönere Moment geben ? Wir sind gegen 4.00 Uhr zurück, nicht im Geringsten müde und eher aufgekratzt.

Mit dieser Tour geht nicht nur der Aufenthalt auf Senja zu Ende, sondern auch eine wunderschöne Zeit hier oben im Norden von Norwegen. Unabhängig davon, ob ihr lieber angeln, wandern oder das Land entdecken wollt: Auf dieser Insel gibt es soviel zu sehen und zu erleben, dass sie aus unserer Sicht in den Reiseplan eines jeden Norwegen-Fans gehört. Vielleicht sehen wir uns ja demnächst (wieder einmal) nördlich vom Polarkreis ?

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